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Wandern auf den Spuren Fontanes

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Zwischen 1862 und 1889 schrieb Theodor Fontane seinen Klassiker "Wanderungen durch die Mark Brandenburg".

Wie sah der Neuruppiner Schriftsteller die Landschaft, wie schätzte er die Menschen ein? Was hat sich seither verändert - und was stellt sich im Jahr 2019 noch genauso dar?

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Die Märkische Allgemeine würdigt  Theodor Fontane im Jahr seines 200. Geburtstages: Zehn Touren aus den berühmten "Wanderungen" wird unser Autor Lars Grote (Foto) nachlaufen. 

Jeden Monat veröffentlichen wir in unserer Multimedia-Serie eine neue Route zum Nachwandern. Auf der ersten Etappe geht es an den Schwielowsee.


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Fontane kannte viele Frauen, Melusine aus dem „Stechlin“, die aschblonde Lene aus „Irrungen, Wirrungen“ mit ihren Rechtschreibfehlern. Und Effi aus „Effi Briest“.

Weil das keine Bars sind, sondern Bücher, gibt es diese Damen immer noch. Theodor Fontane hat sie konstruiert, beatmet und in die Männerwelt geworfen. Aber eine Tussi hat es bei ihm nie aufs Cover geschafft.

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Deshalb überrascht es, dass „Tussy II“ die Wanderwege von Fontane kreuzt. Doch Tussy II gehört nicht zu den pinken Partymädchen, ihr Name führt uns in die Irre.

Sie ist wetterfest, knapp 21 Jahre alt, schlägt Wellen – und ist nicht ungeduldig. Ist das nicht der perfekter Sound für eine Partnerbörse?

Doch „Tussy II“ ist ein riskantes Pseudonym, es zieht die falschen Kerle an. Sie sagt von sich, sie stamme aus dem „Baujahr 1998“.

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Man muss sich keine Sorgen machen, Tussy II hat einen guten Mann gefunden. Einen Fährmann, der auch mal lacht und keine Radler über Bord wirft, wenn sie auf dem Schiff falsch parken.

Tussy II, so heißt die Fähre zwischen Geltow und Caputh (Potsdam-Mittelmark), drei Minuten Fahrzeit, 50 Cent für eine Fahrt pro Fußgänger. Der Fährmann sagt, er fährt hier nur im Winter, sonst steuert er die „Feierschiffe“ auf der Havel.

Feierschiff. Ein Wort aus ferner Zeit. Denn im Moment bläst kalter Wind. Nirgendwo ein Zapfhahn.

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Ausgerechnet Tussy II, die einen Hauch von Party schon im Namen trägt, ist ein Verkehrsschiff ohne Flausen. Nachfolgerin der ausgesprochen rot bemalten Tussy I, die auf Geltower Seite wie ein toter Dinosaurier liegt. Als Erinnerung.

Sie wurde 1942 gebaut, das Jahr, in dem man überlegte, eine Brücke zwischen Caputh und Geltow zu spannen. Hat man verworfen. Und lieber Tussy I zusammengeschraubt.

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Wie das Schiff hieß, mit dem Fontane 1869 übersetzte, hat er nicht erwähnt. Aber es hat ihn beeindruckt:

„Grün und weiß die Planken und Ruder; das Segel war noch an den Mast gebunden. Wir stiegen ein zu dritt, mit uns die Söhne des Fährmannes, drei junge Caputher Midshipmen zwischen zehn und vierzehn, die auf dem Schwilow für den vaterländischen Dienst sich vorbereiten, wie einst der Peipus die hohe Schule war für die werdende russische Flotte.“




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Die Idee mit der Brücke ist gestorben. „Keine Angst, das wird nichts mehr“, klare Worte des Fährmanns. Er hat den sichersten Job am See. Die Fähre wird gebraucht.

Genau wie damals, als Theodor Fontane übersetzte, nachdem er im Caputher Gasthof Boßdorf - der stand möglicherweise hier in der Weberstraße 11 - das „beste Bier“ der Gegend getrunken hatte.

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 Er schrieb vom „Schwilow“, wie er ihn nennt, in seinem zweiten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ im Kapitel „Havelland“:

„Der See ist gutmütig, so sagen wir; aber wie alle gutmütigen Naturen kann er heftig werden, plötzlich, beinahe unmotiviert, und dann ist er unberechenbar.

Eben noch lachend, beginnt ein Kräuseln und Drehen, nur ein Wirbel, ein Aufstäuben, ein Gewölk – es ist, als führe eine Hand aus dem Trichter, und was über ihm ist, muss hinab in die Tiefe. Es gibt ganze Linien, wo die gescheiterten Schiffe liegen.“

Wo findet man diese Wracks? 150 Jahre nach Fontanes Wanderung hat Tussy II die exklusive Herrschaft über den See.



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Es ist ein matter Tag, das Licht scheint ausgeknipst, der „Schwilow“ ist ein anderer als der, von dem Fontane spricht. Sein See war eine Sommerfrische:


„In dem Moment der Landung, wo immer es sei, scheint die Welt aus lauter weißgekleideten kleinen Mädchen mit rosa Schleifen zu bestehen.“

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Gerade sitzen die kleinen Mädchen in der Schule, die in Caputh nach Albert Einstein benannt wurde, nicht nach Fontane. Einstein ist der große Mann des Ortes, Fontane war nur ein Durchreisender.

Oder täuscht der Eindruck? Wir müssen die These erhärten. Und Zeugen finden. Die Mädchen sind in der Schule und die Schiffe im Verhau, wo sie auf den Frühling warten.

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Darum ist Tussy II derzeit das einzige Mädchen auf dem See, Tragfähigkeit 23,6 Tonnen, maximale Achslast 11,0 Tonnen. Sie hat Kraft. Doch damit kokettiert sie nicht.

Zehn Kilometer am Tag fährt Tussy hin- und her, erzählt der Fährmann. Und klingt wie ein zufriedener Konditionstrainer.

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Fontane traf sein Urteil über Caputh und Petzow, der Ort am Ufer gegenüber, in einem leichtfertigen, metropolenhaft erregten Satz:

„Wie Buda-Pest, oder wie Köln und Deutz ein Doppelgestirn bilden, so auch Caput und Petzow.“

Buda und Pest? Köln und Deutz? Hätte er noch zu Manhattan und Brooklyn gegriffen, dann wären Caputh und Geltow heilig gesprochen.

Aufgenommen in den Reigen der Geschwister-Ufer, die sich in die Augen blicken und nicht recht wissen, ob sie einander lieben oder konkurrieren. Sie sind per Brückenschlag verbunden. Das bleibt Caputh und Geltow verwehrt.

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Nein, kein Brooklyn und Manhattan bei Fontane. Doch er nennt Caputh „das Chicago des Schwilowsees“. Heute denkt man beim alten Chicago an Mafia und lockere Knarren. In Fontanes Tagen war das anders. Er bezog sich auf den Handelsstandort:

„... nicht bloß End- und Ausgangspunkt der Zauche-Havelländischen Ziegeldistrikte, nein, es ist auch ein Stationspunkt, an dem der ganze Handelsverkehr vorüber muss.“

Das hat sich geändert. Auf dem Schwielowsee regiert die Lustbarkeit, wer hier ab Frühling Segel setzt, tut es aus Muße, nicht mehr im Dienst der Ziegel. Auch Fontane hat den Schwielowsee als Biotop der Naherholung und des guten Bieres gepriesen.

Er wollte mit dem Boot hinaus. Als er überlegte, ob er abends nach Berlin fahren oder am See übernachte solle, mahnte sein Reiseleiter: „Sie kennen Boßdorf nicht. Er hat das beste Bier und die besten Betten. Boßdorf ist ein Name in dieser Gegend.“

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Boßdorf! Das Problem, wenn man im Winter 2019 zu Boßdorf will: Niemand weiß präzise, wo dieses Gasthaus lag. Es gibt zwei Denkrichtungen in Caputh, die der Heimatforscher Heinz H. Schmal in seinem kleinen Heft, 18 Seite stark, zwei Euro teuer, umreißt.

Bosdorf, wie er bei Schmal heißt, hätte bei Fontanes Besuch im Jahr 1869 seine Gaststätte in der Weberstraße 11 (Foto) oder in der Weinbergstraße 11 führen können, an beiden Orten gab es Ausschank.

Wer hat Gewissheit? Heinz H. Schmal rät ab, diese Recherche auf eigene Faust zu vertiefen: „Für diejenigen Leser, die sich beide Adressen ansehen möchten, muss ich gleich vorausschicken, dass sich in beiden Häusern keine Gaststätte mehr befindet. Es sind private Wohnhäuser, deren Bewohner in Ruhe gelassen werden wollen.“


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Ein Märker, der nicht reden will – es ergäbe keinen Sinn, an Naturgewalten zu rütteln.

Vertrauen wir Heinz H. Schmal: „Nach dem Tode von Johann Carl Andreas Bosdorf erhielt das Anwesen in der Weinbergstraße 11 also 1867 seine Witwe Caroline Friederike, geb. Leo. Und von diesem Zeitpunkt an unterscheidet sich die Geschichte der beiden Grundstücke. Während das Grundstück in der Weberstraße verkauft wird, verbleibt das Grundstück in der Weinbergstraße im Besitz der Familie, und zwar bis nach dem 2. Weltkrieg.“

Es scheint entschieden: Fontane logierte in der Weinbergstraße, gleich am Fähranleger.

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Wer hinüber will nach Geltow, um auf Fontanes Spuren Richtung Petzow zu wandern, muss in Caputh noch nach Gewissheit suchen: Einstein oder Fontane, wen von beiden lieben sie hier heißer?

Wer die Touristeninformation erreicht, sieht auf dem Banner vor dem Haus ein Einstein-Zitat: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“ 

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Einstein mit seinem Caputher Einsteinhaus, ein Sommerhaus aus Holz, in dem er von 1929 bis 1932 lebte, ist im Ort der Hausheilige. Ein stationärer Mann, der für eine Weile Wurzeln schlug.

Der Wanderer Fontane gilt hier als ambulanter, gern gesehener Gast. Einer, der bald weiterzog. Nach einem Bier bei Boßdorf und einem Blick auf die Schleifen der Mädchen.

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In der Caputher Touristeninformation trifft man Uschy Lehmann und Ulrike Spaak. Fontane? Zu ihm wird es ab Anfang Juli eine App geben, mit Interviews, Lesungen und Erläuterungen über seinen Aufenthalt im Ort. Gedacht für Fahrradfahrer und Wanderer.

Aber, das räumen sie ein, Einstein stehe gerade beim internationalen Publikum noch eine Stufe über Theodor Fontane. Internationale Gäste?

„Vor allem die Niederländer kommen, sie haben die Ostseeküste gründlich erkundet und fahren mit ihren Booten nun aufs Binnengewässer. Bis runter auf den Schwielowsee.“

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Verlassen wir Caputh. Rüber nach Geltow, dann über die Baumgartenbrücke Richtung Petzow, wo sich auch die Schinkelkirche (Foto) befindet.

Fontane vergleicht Petzow fast schamlos mit Caputh, wie zwei Schwestern, auf der Suche nach der hübscheren:

„Caput ist ganz Handel, Petzow ist ganz Industrie. Dort eine Wasserstraße, eine Werft, ein Hafenverkehr; hier die Tag und Nacht dampfende Esse, das nie erlöschende Feuer des Ziegelofens. Schönheit der Lage ist beiden gemeinsam; doch ist Petzow hierin weit überlegen, sowohl seiner eigenen unmittelbaren Erscheinung, als dem landschaftlichen Rundblick, den es gestattet.“

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Das Urteil ist streng persönlich und lässt sich – auch heute noch – anfechten. Dennoch spielt es Fontanes Urteil in die Karten, dass sich das „Resort Schwielowsee“ (hier vom Aussichtspunkt bei der Altmannlinde in Caputh aus fotografiert), eine Feriensiedlung mit gehobenem Preis und weltläufigen Hinweisschildern aufs „Restaurant Seapoint“, „Havanna Bar“ und „Event Center“ eben ans Ufer von Petzow schmiegt, das Fontane so belobigt hat. 

Das mächtige Resort wirkt wie ein Schloss der Neuzeit – den Königen unserer Tage freilich wird gnadenlos auf die Finger geschaut. Der Hotelier Axel Hilpert wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er sich mit dieser Ferienanlage Millionen an Fördergeldern erschwindelte. Das Haus ging insolvent. Nun hat es einen neuen Betreiber.

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Das viel ältere, historische Schloss in Petzow aber ist eigentlich ein Gutshaus im Kern des Ortes. Fontane mäkelte:

„Der Bau, wie er sich unter Efeu und Linden darstellt, wirkt pittoresk genug , ohne dass er im übrigen besonders zu loben wäre. Es ist bemerkenswert, dass alles Gotische oder aus der Gotik Hergeleitete auf unserm märkischen Boden seit der Wiederbelebung dieses Stils nicht gelingen wollte.“

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Das Gutshaus wird in Eigentumswohnungen aufgeteilt, sie werden derzeit verkauft: „Wohnen, wo andere Urlaub machen. Erwacht aus einem langen Schlaf – das Schloss Petzow“, so steht es vor dem Eingang. 

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Auf dem Weg zurück ins Dorf liegt die Fontane-Klause. Sie hat noch zu. Und wirbt mit Wildgerichten. Doch richtig wild wird es hier erst im Sommer.

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Der Schwielowsee ​(Potsdam-Mittelmark) gehört zur Kette großer Seen im Flusslauf der mittleren Havel. Er ist circa 786 Hektar groß, seine größte Längsausdehnung liegt bei 5,4 Kilometern, die maximale Breite bei 2,0 Kilometern.

Die tiefste Stelle des Sees misst 9,1 Meter, seine durchschnittliche Tiefe beträgt 2,8 Meter. 

Am Ufer ​des Schwielowsees liegen die Dörfer Caputh, Ferch und Petzow, heute sind es Ortsteile der Gemeinde Schwielowsee. Geltow berührt das Ufer des Sees nur punktuell. 

Vor etwa 19.000 Jahren ​entstand der See während der frühen Weichsel-Eiszeit.

Die Maler Karl Hagemeister ​und Carl Schuch begründeten im 19. Jahrhundert in Ferch die „Havelländische Malerkolonie Ferch“. Auch Eugen Bracht und Hans-Otto Gehrcke malten an den Ufern des Schwielowsees. Ferch war seit 1927 Gehrckes Lebensmittelpunkt, dort hatte er sein Atelier und brauchte nur aus dem Fenster zu schauen, um sich für seine Boot-Motive (Foto) inspirieren zu lassen.





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Unsere Wanderung startet am Bahnhof Schwielowsee in Caputh. Am besten erreichen Sie diesen mit der Regionalbahn-Linie RB23 - vom Potsdamer Hauptbahnhof aus fährt diese nur zehn Minuten und startet jede Stunde, immer um fünf vor halb, Richtung Michendorf.

Die Wanderung endet am Schloss Petzow. An der Bushaltestelle "Schloßpark" hält die Linie 607, die Sie in knapp 40 Minuten zurück zum Potsdamer Hauptbahnhof bringt. Auf dem Weg dorthin hält der Bus auch am Bahnhof Schwielowsee.

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Kapitel 1 Intro

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Kapitel 2 Von Caputh nach Petzow: Fontane-Wanderung am Schwielowsee

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