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Wandern auf den Spuren Fontanes

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Zwischen 1862 und 1889 schrieb Theodor Fontane seinen Klassiker "Wanderungen durch die Mark Brandenburg".

Wie sah der Neuruppiner Schriftsteller die Landschaft, wie schätzte er die Menschen ein? Was hat sich seither verändert - und was stellt sich im Jahr 2019 noch genauso dar?

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Die Märkische Allgemeine würdigt  Theodor Fontane im Jahr seines 200. Geburtstages: Zehn Touren aus den berühmten "Wanderungen" wird unser Autor Lars Grote (Foto) nachlaufen. 

Jeden Monat veröffentlichen wir in unserer Multimedia-Serie eine neue Route zum Nachwandern.


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Hier beginnt die Reise durch das Spätwerk von Fontane, wie ein Tritt aufs Gaspedal wirkt diese Zeit in seinem Leben – als hätten Leute von McKinsey angeklopft, gut gekleidete, doch strenge Strategieberater: Theodor, wenn du möchtest, dass man auch in 200 Jahren von dir spricht, dann kommt jetzt in die Puschen!

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Ihre Mahnung hat gefruchtet. Seine zwei größten Romane „Effi Briest“ (nach Zeitschriftenabdruck als Buch 1896 veröffentlicht) und „Der Stechlin“ (1899) über den Großen Stechlinsee (Foto) sind um sein Todesjahr 1898 herum erschienen. Auf den letzten Metern.

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Wer von Lindow (Ostprignitz-Ruppin) nach Meseberg (Oberhavel) wandert, braucht mehr als ein paar Meter, doch er durchmisst gedanklich beide Bücher. Denn im „Stechlin“ hat Fontane ein „Kloster Wutz“ als konservatives Zentrum geschaffen, nach dem Vorbild des realen Klosters Lindow (Foto), das am Wutzsee liegt, den Fontane gerne „Klostersee“ nannte.

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In Meseberg hingegen hat er vom Paar Ardenne gehört, deren tragisch scheiternde Ehe er als Vorbild für „Effi Briest“ genommen hat.

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Knapp neun Kilometer läuft man von einem Ort zum anderen. Fontane hat diese Strecke in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ wortlos übergangen. Er schaute auf die Kunst des Regierens, nicht auf die Ringelnattern, die durch den Wald schleichen.

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Er sprach vom „villenartigen Haus der Domina“, das dem Kloster zur Seite stand, doch er hatte kein Auge für die Mohnblumen am Rand des Huwenowsees bei Meseberg, die gleich umgesenst werden von den Jungs, wenn sie vom hohen Ast ins Wasser springen und wie die jungen Hunde ans Ufer keuchen.

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Als Fontane kein junger Hund mehr wahr, sondern der Gentleman im Maßanzug, dem man die Jahreszeiten und Gefühle nicht mehr ansah, entstand das Bild, das sich die Nachwelt von ihm machte – auch in Lindows Touristeninfo hat es seinen Platz. Hüfthoch steht die gelbe Statur des Dichters in der Ecke, wie eine aufgepumpte Schachfigur.

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„Meist stellen wir ihn draußen vor die Tür“, sagt Frau Steffen von der Info, „doch bei über 30 Grad ist es zu heiß für ihn. Man muss Diskretion wahren, er wird als Jubilar ja derzeit so gerupft. Nicht vergessen, er ist ein älterer Mann!“ Die gläserne Info ist klimatisiert, hier lebt man angenehm bei guten 20 Grad.

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Das Wohltemperierte war oft Fontanes Sache. Wenn es zu heiß geworden ist in seinen Büchern, bei „Effi“ beispielsweise, die sich in einen fremden Mann verliebte, der in ihre Ehe funkte, musste die Sache runtergekühlt werden. Bis Effi starb.

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„Lindow ist so reizend wie sein Name. Zwischen zwei Seen wächst es auf und alte Linden nehmen es unter ihren Schatten.“ 

So beschrieb Fontane es in seinen „Wanderungen“. So ein Ort, möchte man meinen, brummt auch ohne klimatisiertes Touristenbüro.

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Man müsste einfach Fontanes Gedicht ans Ortsschild kleben:

„Wie seh ich, Klostersee, dich gern! / Die alten Eichen stehn von fern, / Und flüstern, nickend, mit den Wellen. / Und Gräberreihen auf und ab; / Des Sommerabends süße Ruh / Umschwebt die halbzerfallnen Grüfte.“

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Etwas Morbides liegt in diesen Zeilen, das leider auch im Sommer 2019 nicht komplett an Gültigkeit verloren hat. Denn dass ausgerechnet die alte Apotheke und die Buchhandlung gestorben sind, die einst in herrlichen Häusern lebten, ist tragisch – weil sie das Leben des gelernten Apothekers und Schriftstellers so schön umrissen haben.

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Ganz geheuer war ihm Lindows Schönheit nicht. Fontane hat sie eingeschränkt:

„Die nur durch ihre Lage reizende Stadt kann uns durch ihre Straßen und Plätze nicht fesseln."

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Aber jenseits derselben, wo sich die Schmalung zwischen dem Gudelack- und dem Wutz-See wieder zu weiten beginnt, werden wir, nach rechts hin, eines Konglomerates von Häusern und Ruinen ansichtig, um welches sich eine niedrige Steinwallung: die Einfriedung von Kloster Lindow, zieht.“

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Ein Mann mit kleinem Hund an seiner Leine und Zigaretten in der Brusttasche zeigt rüber zur Mauer, die früher das Kirchenschiff des Klosters einfasste. „Geh’n Se mal gucken, mehr is’ nich übrig. Könne Se Fotos machen.“ Die Fassade ist kaum mehr als ein Geste, die auf eine gut ausgestattete, lange zurückliegende Zeit verweist.

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Fontane schrieb darüber, wie im Jahr 1542 die Säkularisierung und die Umwandlung der Klostergüter in „kurfürstliche Domainen“ begonnen hatte:

„Zwanzig Jahre vorher, beim Erlöschen des gräflichen Hauses Ruppin, hatte das Kloster auf seiner Höhe gestanden. Es war damals eines der reichsten Stifter in der Mark und besaß außer der Stadt Lindow 18 Dörfer, 20 wüst liegende Feldmarken, 9 Wassermühlen.“

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Eine Ordensschwester stach heraus, Amelie, „die schöne Nonne von Lindow“, die als Skulptur vom Bildhauer Peter M. Stajkoski vor gut zehn Jahren in den Wutzsee gestellt wurde. Wegen der Beziehung des adligen Mädchens zu einem nicht standesgemäßen Jüngling wurde Amelie von ihren Eltern ins Lindower Kloster verbannt.

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„Der Geliebte befreite sie jedoch. Sie entschwand auf unbekanntem Wege...“, steht neben ihr auf einem Schild. Auch bei Fontane wurden junge Frauen kaserniert, wenn sie das Glück zu eigensinnig suchten. Doch sie wurden nicht befreit, und der Autor konnte haargenau erklären, woran sie scheiterten. „Unbekannte Wege“, das war ihm viel zu nebulös.

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Der Mann mit Hund erzählt vom Lindow aus der Gegenwart, dass es hier nur noch „Bäcker, den Vietnamesen und Netto“ gibt. „Zweimal in der Woche kommt der Fleischerwagen in den Ort, dann stehen die Leute Schlange.“ Der alte Bahnhof Lindow, sagt er, „ist verkauft, doch der Investor kümmert sich nicht ums Gebäude, es geht kaputt.“

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 Aber der See! „Sie können zweieinhalb Stunden um den Wutzsee laufen, vollkommene Ruhe“, sagt der Mann. Der Hund zuckt. Zweieinhalb Stunden? Er hechelt. Und geht jetzt mit dem Herrchen auf den Klosterfriedhof, der immerzu im Schatten liegt. 

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Große Kreuze unter Rost, die nur noch eine Ahnung davon geben, wer hier liegt, keine präzise Auskunft mehr. Wer Lana del Reys Song „Summertime Sadness“ nie begriffen hat in seiner aufrichtigen Tiefe, der komme auf den Lindower Friedhof und labe sich an der Schwermut des Sommers.

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Der Weg hinüber nach Meseberg ist ein Fußmarsch von knappen drei Stunden. Er ist so malerisch, dass es wie ein Wunder wirkt, hier unterwegs nur ein Paar zu treffen, das seine Räder schiebt. 

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An einem Strand des Huwenowsees, wo der Streusand wie ein Teppich liegt, sonnen sich zwei junge Frauen im Bikini – sie sind derart alleine, dass sie einen großen, zotteligen Wachhund mitgenommen haben. Und in Berlin zerdrücken sich die Leute im Freibad.

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Erste Zeichen der Zivilisation in Rufweite von Meseberg: Typischer Knall einer Arschbombe, wie diese Sportart bei den Jungen heißt, die sich ins Wasser schmeißen, um maximalen Aufruhr zu erzeugen. 

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Und hinten, im Stil einer Fototapete, ruht Schloss Meseberg. Diesem Ort hat sich der Autor wie ein beeindruckter Pfadfinder genähert:

„Wie ein Zauberschloss liegt es auch heute noch da. Der Reisende, der hier über das benachbarte Plateau hinfährt, dessen öde Fläche nur dann und wann ein Kirchturm oder ein Birkengehölz unterbricht, ahnt nichts von der verschwiegenen Tiefe mit Wald und Schloss und See. Dieser letztere, der Huwenowsee geheißen, ist eines jener vielen Wasserbecken, die sich zwischen dem Ruppinischen und dem Mecklenburgischen hinziehen und diesem Landstriche seine Schönheit und seinen Charakter geben.“

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Die Schönheit des Schlosses Meseberg ist staatstragend, es dienst als Gästehaus der Bundesregierung. Darum ist es massiv abgesperrt, einmal im Jahr gibt es den Tag der offenen Tür, dann kommen gut 3000 Leute in diesen Ort mit etwa 170 Einwohnern. Und was passiert sonst im Schloss?

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Das eben ist die Frage, die in diesen Tagen auch im Bundestag diskutiert wird. Eine aktuelle Studie sagt, dass Schloss Meseberg an nur 32 von 1461 Tagen in den Jahren 2015 bis 2018 als Gästehaus, für Regierungsklausuren oder andere Veranstaltungen genutzt wurde. Es verursachte aber in diesem Zeitraum Kosten von 20 Millionen Euro. Nun wird in Berlin diskutiert, ob dieser Preis verhältnismäßig sei.

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„Nein!“, brummt der Mann im weißen Unterhemd, der just vor diesem Schloss wohnt, das er hinter dicken Gittern täglich sieht. Er weist den Hund zurecht und kommt dann an die Hecke. „Ich habe sie alle gesehen, Bush, Sarkozy und den Israeli“, dessen Name ihm nicht einfällt. 

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„Bei Bush war es am schlimmsten“, erzählt er über den Staatsbesuch im Jahr 2008, die ganze Presse und nur Wachleute vor seinem Haus – „ich verschwinde dann für ein paar Tage, das Dorf ist lahmgelegt, als sei es eine Parallelwelt.“

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Hat er dafür Verständnis? „Ach, Verständnis...“ Er will den Puls jetzt runterfahren, sich nicht in Rage reden, tut es dann aber doch: „So viele Regierungsklausuren können die hier gar nicht abhalten, wie man bräuchte, um die Krise in den Griff zu kriegen.

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Huberta von Böselager sieht das entspannter. Sie wohnt einen guten Steinwurf vorm Barockschloss und gießt die Rosen an ihrem Haus. „Ach, das Schloss!“, sagt sie, „wer möchte denn nicht in einem Dorf mit Schloss wohnen?“ Sie selbst lebt sei fünf Jahren hier, wenn auch nur im Sommer, denn im Winter muss sie zurück nach München.

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Sie führt in Meseberg einen kleinen Laden, „der eigentlich eine Garage werden sollte, aber 100 Meter neben einem Schloss kann man keine Garage bauen, das wäre vollkommen verschenkt.“ Sie verkauft „Schnickschnack, Eis und Getränke“, wobei der „Schnickschnack nicht gut läuft in Brandenburg, das klappt in Bayern besser.“

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Halsketten, Honigmilchseife und kleine Vögel aus Holz zählen zu ihrem Sortiment, doch das Geld macht sie mit Cola, Wasser und Melonen-Eis. Zusammen machen diese Erfrischungen für Rad-Touristen vier Euro.

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„Als Putin ins Schloss kam, haben sie sogar das Dixi-Klo im Dorf versiegelt“, erzählt sie. Das Schloss gefällt ihr trotzdem, gerade wegen seiner kapriziösen Geschichte, die auch Fontane schon erzählt hat.

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In den Worten von Frau Böselager klingt sie so: „Der Lover von Heinrich, dem Bruder Friedrichs des Großen, musste den Hof in Rheinsberg erlassen, weil Friedrich diese Liebelei zwischen den Männern nicht vor seinen Augen akzeptierte. Wohl auch deshalb, weil er ähnlich veranlagt war. Deshalb musste der Lover aufs Schloss Meseberg. Er galt als ,Heinrichs Favorit’ und trug den tollen Namen Major von Kaphengst. Ideal für einen Liebhaber!“ Sie lacht.

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 Auch Theodor Fontane hat in seinen „Wanderungen“, als er die Geschichte vom Schloss Meseberg erzählte, geradezu aufdringlich den windigen Major von Kaphengst in den Vordergrund gerückt.

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Er übte an Stoffen wie diesen für die Sottisen, die er später in seine Romane einbaute:

„Wenn von Kaphengsts Habsucht, Wüstheit und Eitelkeit schon in Rheinsberg ihre Proben abgelegt hatten, so verschwanden diese neben dem, was er jetzt in Schloss Meseberg in Szene setzte. Debauchen aller Art lösten sich untereinander ab, und die wahnsinnigste Verschwendungssucht griff Platz.“

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Huberta von Böselager nimmt die Geschichten mit Humor. Ihr Laden war früher ein Schweinestall, Prunksucht kann ihr keiner vorwerfen. Sie schwärmt von ihren Nachbarn, alle hätten sie herzlich empfangen. „Wenn sie in ihren Gärten buddeln, holen sie immer etwas Köstliches aus der Erde.“

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Und falls Putin, ein hoher Amerikaner oder Franzose noch mal vorbeischauen, halten sie für ein, zwei Tage die Luft an. So schlimm wie bei Major zu Kaphengst wird es schon nicht werden.

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Lindow ​(3000 Einwohner) ist eine Stadt im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, sie liegt im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land und ist von drei Seen umgeben: Wutzsee, Gudelacksee und Vielitzsee.

Nach der Wende 1989 ​zog sich das ehemalige DDR-Staatsoberhaupt Erich Honecker für einige Tage in ein Regierungsheim in der Nähe der Stadt zurück, bis ihn Bürgerproteste zum Auszug zwangen.

Im 13. Jahrhundert ​wurde Lindow Sitz des Klosters Lindow, eines Nonnenklosters der Zisterzienserinnen oder Prämonstratenserinnen. Dies lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, da die Akten in der Reformationszeit untergegangen sind.

Meseberg ​ist ein Ortsteil von Gransee (Oberhavel) mit 150 Einwohnern. Dort liegt Schloss Meseberg, ein Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert.

Das Anwesen am östlichsten Zipfel des Huwenowsee gehört der Messerschmitt-Stiftung, die es ab 1995 restauriert hat. Es wird als Gästehaus der Bundesregierung genutzt.

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Vom Potsdamer Hauptbahnhof nimmt man die Regionalbahn-Linie RB 20 Richtung Oranienburg bis nach Hennigsdorf (35 Minuten Fahrzeit) und steigt dort in den Regional-Express RE 6 Richtung Wittstock (Dosse).

Am Bahnhof Rheinsberger Tor in Neuruppin (noch mal 35 Minuten Fahrzeit) ist Ausstieg - von hier fährt die Buslinie 764 (Richtung Rheinsberg) 25 Minuten bis zur Haltestelle Lindow Markt.

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Der Zander ist die Leitwährung in der Stadt Teupitz am See - das war schon bei Fontane so.

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Und wenn man in der frühlingskühlen Kirche steht mit Pfarrer Nico Steffen, wird diese These einmal mehr erhärtet. Steffen ist in Eile, Mittagszeit, er muss sich um die beiden Söhne kümmern, sie spielen Basketball vorm Pfarrhaus.

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Doch Steffen tischt noch eine kleine Anekdote auf, die ihm ein Koch erzählte, der nach der Wende seinen Dienst im Schloss von Teupitz angetreten hat.

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„Das Schloss war vormals Gästehaus der SED gewesen, nach der Wende residierte dort das Schlosshotel“, erzählt Steffen, „Besuch aus Frankreich hatte dort gespeist, der Koch hat Zander zubereitet, die Franzosen waren aus dem Häuschen: DER Zander aus dem Teupitzsee?“ Sie kannten ihn aus Paris, „wo er einen legendären Ruf genießt.“

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Theodor Fontane hat Teupitz (heutiger Landkreis: Dahme-Spreewald) im Juni 1862 mit der Postkutsche besucht, dort sprach er mit der Wirtin Friederike Wilhelmine Bullrich aus dem Gasthaus „Goldener Stern“, sie hatte ihm den wirtschaftlichen Segen und Eigensinn des Zanders erläutert:

„Der Zanderzug ist nur einmal im Jahr und von seinem Ausfall hängt alles ab. In der Regel bringt er 600, oft 1500 Taler, mitunter freilich auch gar nichts. Dann muss das nächste Jahr den Schaden decken. Aber weil es unsicher ist, was der Zanderzug bringen wird, deshalb können unsere Fischer den See nicht pachten.“

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Der See war immer die Fundgrube der Stadt, Fontane hat ihn in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ vermessen:

„Der Teupitzsee ist fast eine Meile lang und eine Viertelmeile breit, an einigen Stellen, die sich buchten, auch breiter. Sein Wasser ist hellgrün, frisch und leichtflüssig; Hügel mit Feldern und Hecken fassen ihn ein, und außer der schmalen Halbinsel, die das Schloss trägt und sich bis tief in den See hinein erstreckt, schwimmen große und kleine Inseln auf der schönen Wasserfläche umher.“

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Blumiger kann auch ein Tourismusamt nicht formulieren, und dennoch führen Fontanes Elogen in die falsche Richtung. Denn der Dichter schaute nicht wegen der reizenden Landschaft vorbei:

„Teupitz verlohnt eine Nachtreise, wiewohl diese Hauptstadt des ,Schenkenländchens’ nicht das mehr ist, als was sie mir geschildert worden war. All diese Schilderungen galten seiner Armut. Die ,Poesie der Verfalls’ liegt über dieser Stadt, so hieß es voll dichterischen Ausdrucks.“

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Fontane hatte gehört, dass ein Geistlicher in Teupitz unverheiratet blieb, weil der Lohn nicht reiche für die Gründung einer Familie, und dass ein Teupitzer „Bettelkind“, wenn es ein Stück Brot bekomme, die Hälfte mit nach Hause nehme, weil Brot so rar sei. Zudem bestehe das gesamte Personal der „Gesundheitspflege“ im Ort aus einer einzigen Hebamme. Fontane schloss:

„Dies und manches der Art rief eine Sehnsucht in mir wach, Teupitz zu sehen, das Ideal der Armut.“

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Pfarrer Steffen sieht das anders: „Geistliche werden heute besser bezahlt, der Tarif lässt sich mit dem Familienleben vereinbaren.“ Geboren wurde er in Zeuthen, arbeitete zuletzt in einer Gemeinde in Berlin-Spandau, doch mit seiner Frau habe er entschieden, die Arbeit in einer ländlichen Kirche anzutreten.

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550 Gemeindemitglieder gibt es in dieser Stadt mit ihren knapp 2000 Einwohnern, „das ist keine schlechte Quote für Ostdeutschland“. Sonntags kommen zehn bis 30 Besucher in die Kirche, an Feiertagen sind es mehr als 100. „Wir zählen in Teupitz zum Speckgürtel 2. Ordnung, weil wir außerhalb der S-Bahn liegen“, erzählt Steffen, der auch die Gemeinde in Groß Köris betreut.

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Zwischen den Weltkriegen, als der Schienenstrang anders verlief und Teupitz besser angebunden war, gab es hier regen Badebetrieb. „Tourismus“ wurde ein Begriff, die Leute kamen mit dem Dampfer aus Köpenick, auch Fontane hat diesen Wasserweg gewählt – und Teupitz ein zweites Mal besucht, 1874 auf der Segeljacht „Sphinx“.

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Wer von Groß Köris nach Teupitz läuft, sieht Villen aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, einer wohlhabenden Zeit am See, die nichts übrig ließ von Fontanes Verdikt der Armut. „Doch die Kesselschlacht von Halbe am Ende des Zweiten Weltkriegs hat diese Gegend nachhaltig verletzt“, sagt Steffen.

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Auch heute gibt es Verletzungen. Das hinter grünen Hecken verborgene Schloss macht Sorgen. Dabei war es vor wenigen Jahren der Stolz der Stadt mit seinem international gerühmten Zander, der dort zubereitet wurde. Das Anwesen geht zurück auf eine Burg, die im frühen 14. Jahrhundert hochgezogen wurde, es verfiel, nach 1949 hat es die DDR zum Gutshauses umgebaut. Fontane schrieb:

„Das alte Teupitzschloss galt ehedem für sehr fest. Es lag an der Grenze zwischen Mark und Lausitz und scheint abwechselnd eine märkische oder sächsische Grenzfestung gewesen zu sein.“

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Gerade schauen Liane und Steffen Hultsch aus Potsdam vorbei, sie sind auf der Durchreise nach Cottbus, wo sie den 75. Geburtstag des Mannes feiern wollen. Vor 15 Jahren haben sie im Schlosshotel übernachtet, „schöne, schlichte Zimmer, kein unnötiger Klimbim“, erinnert sich Liane Hultsch, sie schwärmt von den Ritterspielen und dem Mittelaltermarkt im Hof.

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Nun steht das Paar am Tor des Schlosses, es ist verriegelt, Schilder schlagen in die Flucht, als liege ein Atomkraftwerk hinter dem Zaun: „Parken verboten!“, „Warnung vor dem Hund!“, „Zutritt verboten!“. 

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Nach der Insolvenz des Hotelbetreibers wurde das Schloss zwangsversteigert, seit 2005 befindet es sich in privater Hand. Doch keiner kennt diese Hand. In der Stadt spricht man vom „verlorenen Schloss“. Meist steht es leer.

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Es gibt Klatsch im Ort, aber kaum Fakten. Was man redet? Der Eigentümer des Schlosses (hier eine Lithografie aus der Sammlung Alexander Duncker, 19. Jahrhundert) komme aus Österreich. Oder aus Bayern. Er sammele Schlösser, ihm gehöre auch das Dracula-Schloss im nahen Schenkendorf, doch er schaue selten vorbei in Teupitz – nur zum Tennisspielen. Er soll in Spanien wohnen, heißt es.

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Auch der Teupitzer Bürgermeister Dirk Schierhorn vom Bürgernetzwerk sagt: „Wir sind bereit, mit ihm zu reden, aber man kommt schwer an ihn heran.“ Worüber man diskutieren will? Über eine Teilöffnung fürs Publikum. Wenigstens das. Doch die liegt in weiter Ferne. 

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Eine, die das nicht hinnimmt, ist Susanne Stahn, Schierhorns Gegenspielerin. Bei der Kommunalwahl am vergangenen Sonntag trat sie gegen ihn an, als Kandidatin fürs Teupitzer Bürgermeisteramt. Und lag nur 6,6 Prozentpunkte hinter ihm.

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Sie ist Diplominformatikerin und Einzelkämpferin,  ohne Netzwerk und Partei, doch mit ausgeprägter  Gabe zur Kommunikation. Wenn man auf dem Markt ein Foto macht, kommt sie vorbei und ruft: „Schön hier, oder?“ Schon steckt man im Gespräch, neben ihr die große Hündin, „meine beste Wahlkampfhelferin“. Sie lacht. 

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„Der Investor sagt, er liebe das Schloss und würde es auch dann nicht verkaufen, wenn man ihm eine Million mehr biete, als er bezahlt hat.“ Stahn setzt eine Pause.

„Was ist Liebe?“, fragt sie. „Wenn man eine Frau liebt, möchte man, dass sie ein erfülltes Leben führt – doch dieses Schloss steht leer, es ist ein Luxus-Spielzeug, das keinen glücklich macht. Der Investor lässt es verfallen. Er raubt uns die Möglichkeit, im Ort Tourismus aufzubauen.“ Ihr Fazit: „Eigentum verpflichtet!“

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Diesen Satz hört man oft, wenn man auf dem Marktplatz in Teupitz mit Menschen spricht. Erst hat ihnen die SED den Eintritt in das Schloss verwehrt, nun tut es ein Mann, den keiner kennt und dem nicht beikommen ist, weil das Gesetz sein Eigentum schützt.

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Susanne Stahn schaut in ihr Handy, um den Satz korrekt zu zitieren: „Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld“, er stammt vom griechischen Reeder Aristoteles Onassis. Für Stahn bringt er die Sache auf den Punkt.

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Sie hatte vor der Wahl nur ein einziges Plakat von sich im Ort aufgehängt, am Marktplatz, sie sagt, sie wolle an die „reichen Männer, die es hier durchaus gibt“, appellieren, dass es eine Ehre sei, in das malerische Bild der Stadt zu investieren. Mit den Eigentümern der Häuser in der grauen Poststraße stehe sie im Austausch. 

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Sie schaut sich um. „Wo ist der kleine Lebensmittelladen, wo ist die Sparkasse oder wenigstens ein Geldautomat, wo ist eine Post?“, fragt sie. Sie sind verschwunden in den letzten Jahren.

„Die Leute in Teupitz sind politikmüde, doch ich werde nicht als Politikerin wahrgenommen. Mein Großvater war hier LPG-Vorsitzender, man kannte mich im Ort bereits als kleines Mädchen.“ Auf ihrer Visitenkarte steht „Software – Beratung – Schulung.“ Sie ist viel in den alten Bundesländern unterwegs, „dort sehe ich, wie es in Teupitz funktionieren könnte.“

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Wer vor der Wahl vom Bahnhof Groß Köris nach Teupitz lief, sah die Plakate. Je näher man Teupitz kam, desto augenfälliger war die soziale Note. „Lieber Kümmern als Wegsehen“ oder „Mieten dürfen nicht durch die Decke gehen“.  Als habe man in der Stadt ein besonderes Sensorium für die soziale Balance. Fontane hat das seinerzeit geahnt.

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Ein Gefühl fürs aktuelle Teupitz kriegt man in der alten Schule, wo Christine Borleis und ihr Mann leben. Der Mann ist beim Arzt, auf dem Land kann sowas dauern. Frau Borleis schaut aus wachen Augen – und dennoch urteilt sie mit Vorsicht über diese Stadt. „Wir sind erst 1994 hergezogen“, sagt sie, das sind 25 Jahre, die volle Spanne einer Generation. Doch als Einheimischer gelte man erst, wenn auch Mutter und Großmutter hier geboren wurden.

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„Wir sind ein mutiger Ort“, sagt Borleis, „wir lassen unsere Kirche offen. Es gibt hier keine Schätze, was soll schon passieren?“ Sie sitzt im alten Klassenzimmer, umgeben von Trompete, Posaune, Klavier und Schlagzeug. Ihr Mann ist Kirchenmusiker, er organisiert Konzerte.

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Am Vortag war die „Klangvolle Auslese“ mit dem Schmöckwitzer Kammerorchester sehr gut besucht, es gab Werke von Reger, Haydn, Fasch, Graininger und Respighi. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass in einem kleinen Ort wie Teupitz nur das Gefällige zum Zuge kommt. Auch Komponisten ohne großen Namen werden hier hofiert. Durch den Kinder- und Jugendchor ihres Mannes bleibt die Gemeinde jung. Und neugierig.

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Ihre Kirche lassen sie auch deshalb offen, weil oben auf dem Gesenberg das Fachklinikum Teupitz liegt, das man früher „Landesirrenanstalt“ nannte. Die Nazis haben dort psychisch kranke Menschen ermordet. Die neue Klinik hat einen tadellosen Ruf, die Patienten freuen sich, wenn sie sich ins Kirchenschiff setzen können. Und Zeit für Einkehr haben.

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Fontane nannte ihn noch „Jeesenberg“:  

„Ein Hügel am Südrande der Stadt gelegen, von dem aus man das gesamte Schenkenländchen überblickt. (...) Das Panorama ist schön; schöner aber wird das Bild, wenn wir auf den Rundblick verzichten und uns damit begnügen, in die nach Osten hin sich dehnende Hälfte der Landschaft hineinzublicken. Es ist dies die Hälfte, wo Teupitz und sein See gelegen sind.“



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So klingt eine Liebeserklärung auf Preußisch. Nicht prätentiös, niemals den Preis zu hoch treiben. Diese Gefahr besteht in Teupitz nicht, wo sie dem Reichtum an Fischen und Schönheit trauen, nur bedingt aber dem Reichtum an Geld.

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Teupitz ist die Hauptstadt des Amtes Schenkenländchen und gehört zum Landkreis Dahme-Spreewald. Zur Stadt gehören die Ortsteile Egsdorf, Neuendorf und Tornow.

Nach neuesten Erhebungen lebten 2018 in Teupitz 1880 Menschen, im Jahr 1990 waren es 1652.

Teupitz entstand als slawische Siedlung. Ab 1437 ist von Teupitz als Stadt die Rede und sie erhielt ein Wappen mit einem Fisch und einem Kreuz, das von Wasserlilien eingerahmt wird.

Auf der Schlosshalbinsel am Teupitzer See wurde 1307 erstmals eine Burg erwähnt. Im 15. bzw. 17. Jahrhundert baute die Familie Schenk von Landsberg sie zum Schloss um.

Die Stadt erlebte um 1900 einen wirtschaftlichen Aufschwung durch Tourismus, der um 1895 durch Berliner Fahrgastschiffe und Rudervereine befördert wurde. Der Ausflugsverkehr nach Teupitz wurde ab 1900 bis zum Ersten Weltkrieg regelmäßig angeboten. 

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Vom Potsdamer Hauptbahnhof nimmt man die S7 bis nach Berlin-Lichtenberg und steigt dort in die Regionalbahn-Linie RB 24 Richtung Senftenberg um, die auch in Königs Wusterhausen hält.

Der nächstgelegene Bahnhof zum Ziel ist Groß Köris, von Berlin bis hierher braucht die RB24 knapp 40 Minuten. Von Groß Köris sind es noch zehn Minuten mit der Buslinie 726 (Richtung Bestensee) bis Teupitz Markt.

Vom Hafen von Teupitz aus kann man eine Entdeckungsreise über die Dahme-Seen starten.  Start und Ziel der Tagesfahrten mit der "Schenkenland"  ist der Anlegesteg Bohr's Brücke. Zum Dahme-Seengebiet zählen mehr als 70 Seen und knapp 100 Kilometer Wasserstraßen im Dreieck Berlin-Schmöckwitz.

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Ole fährt mit Helm, denn das hier ist der Schlosspark, dort steht nicht nur das alte Grab der ausgesprochen schlanken und versunkenen Prinzessin zu Schoenaich-Carolath, spätere Gräfin von Königsmarck. Am Eingang streuen sie auf einem Schild gleich Klartext unters Volk: „Achtung, im Plauer Schlosspark leben frei laufende Wildschweine. Achten Sie auf Ihre Kinder.“

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Oles Helm, schwarz und robust wie bei den Bergarbeitern untertage, ist so gesehen wirklich nützlicher als eine Krone. Auf die Kinder soll man also achten... Ist Ole (r.) noch ein Kind?

Er hat die klare Stimme eines Fremdenführers, wenn er mit seinem Fahrrad wie auf einem Pferd durch diesen Park prescht und hinüber ruft zu Paul: „Ist das Fontane?“ Er nähert sich auf fünf Meter der Statur, „ja, ist er!“ – er ähnelt einem Cowboy, der sein Lasso um den Dichter werfen will.

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Paul (r.) und Ole steigen ab. Sich verneigen vor dem Denkmal, nein, so weit geht die Liebe nicht, doch dem Mann begegnen sie mit einer Frische, ohne akademische Manschetten. Ole und Paul sind 13, sie gehen in die 7. Klasse, „wir haben Fontane in der Schule behandelt.“ Sagen es ernst wie ein Arzt, der bei „Behandeln“ eher an Medizin und Spritzen denkt.

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Die Skulptur des wandernden Fontane, der sich versonnen an den Hut fasst, als müsse er sich orientieren, im welchem Breitengrad er sich befindet, wurde vom Förderverein Schloss Plaue gestiftet. Geschaffen hat sie der Plauer Bildhauer Dirk Harms.

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„Den Birnbaum“ und „John Maynard“ haben sie gelesen, „Birnbaum war besser“, urteilt Paul, „Herr Ribbeck war nett zu den Kindern.“ John Maynard aber ist ertrunken. Im Test bekamen sie eine 2. Beide wohnen in Kirchmöser, doch der Ort alleine ist zu klein für Jungs von 13 Jahren, darum jagen sie durch Plaue.

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Und wenn selbst das zu eng wird, flüchten sie sich in die Welt von Instagram, wo man die Fotos weltweit teilen kann. Paul hat 104 Follower. Ole, der ein bisschen lauter ist, hat gut 300. Er zeigt die jüngsten Bilder auf dem Handy: Bleistifte von oben, die aussehen wie Honigwaben, und die Speicherstadt von Hamburg. „Man muss die Follower täglich mit Bildern füttern, mindestens aber jede Woche, sonst laufen sie davon.“

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Jungs, die über Fontane und Follower Bescheid wissen, sind ein Glück in diesen Tagen, in denen man glaubt, diese zwei Welten stünden sich fremd und unverträglich gegenüber.

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Plaue ist ein Ortsteil von Brandenburg/Havel, Fontane hat hier häufig seinen Freund Carl Ferdinand von Wiesike besucht, der auch hier begraben ist. Er stammt aus der Linie derer, die in Plaue lange das Sagen hatten. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schreibt Theodor Fontane:

„Als ich Wiesike zum ersten Mal sah, war er sechsundsiebzig Jahre alt und ein mehrtägiger Aufenthalt bot mir Gelegenheit, nicht bloß den alten Herrn in Person, sondern auch seinen Besitz und seine Lebensgewohnheiten kennenzulernen.“

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Die Wiesikes wurden nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet. Ihre Villa liegt gegenüber vom Schloss Plaue, auf der anderen Havelseite. Man geht über die Alte Plauer Brücke, nur noch nutzbar für Fußgänger, an ihren Rändern stehen Bauzäune.

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Sie wurde 1904 errichtet, sechs Jahre nach Fontanes Tod, als Stahlfachwerkbrücke ersetzte sie eine hölzerne Brücke, die 1837 vom Plauer Zimmermeister Parey gebaut wurde. Diese hatte im westlichen Drittel einen Zugmechanismus, der höheren Schiffen die Durchfahrt erlaubte. Heute wirkt selbst die neue, inzwischen 115 Jahre alte Brücke wie ein rüstiges Denkmal, und auch: wie ein eingerüstetes.

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Auf der Schloss-Seite des Übergangs hat der Förderverein Schlosspark Plaue das Fontane-Gedicht aus dem Januar 1880 über den „furchtbaren Eisenbahnunfall bei Dundee“ in Schottland festgeschraubt. Es war die Zeit, in der Fontane seinen Plauer Freund Carl Friedrich Wiesike zum letzten Mal besucht hat, in dessen Todesjahr:

„Und unser Stolz ist unsre Brück; / Ich lache, denk ich an früher zurück, / An all den Jammer und die Not / Mit dem elend alten Schifferboot.“  

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Vor Wiesikes Villa wird geschippt, im Dienste eines Neuanfangs. Wenn man nachfragt, was mit dem Haus geschehen soll, das ramponiert davon erzählt, dass sich Fontane und der Gefährte Wiesike hier über Homöopathie und über Schopenhauers Pessimismus unterhalten haben, kriegt man im Ort nur anonyme Statements.
„Fontane und Wiesike haben hier einen gesoffen, seither haben wir den Denkmalschutz am Hals“, sagt einer mit exponiertem Amt in Plaue. Er lacht.

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Das Haus erzählt viel von Geschichte, und gerade deshalb wollen viele Ämter reinregieren in die Restaurierung. „Gut, dass es letztes Jahr verkauft wurde, an einen Mann tief aus dem Westen. Umgänglich. Zielstrebig. Der macht die Villa wieder vorzeigbar. Kommen Sie nochmal im Herbst vorbei, dann gibt es eine Ahnung von der neuen Pracht“, mutmaßt die anonyme Stimme.

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Wiesikes Villa stand leer seit Ende der 1990er-Jahre, die Fischereischutzgenossenschaft „Havel“ war nach der Wende eingezogen, hatte den Bau jedoch alsbald an einen Segelclub verpachtet. Irgendwann war dieser Villa und der unumgänglichen Sanierung keiner mehr gewachsen. Zu Zeiten des Mauerfalls lebten zwei Rentner in dem Haus, „die Mauern baufällig, die Hygiene abenteuerlich“, sagt der Mann, der sich hier auskennt.

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Auch zu Fontanes Zeiten herrschte dort eine gewisse Hemdsärmeligkeit, ein „Wird-schon-gehen“, angereichert mit dem Sinn fürs Machbare. Der Dichter schreibt:

„Die Wiesikesche Villa war bei seinem Eintreffen an dieser Stelle nicht besser als eine Lehmkate gewesen, die nur gerade den Ansprüchen eines Meiers oder Wirtschaftsinspektors genügen konnte. Wiesike hatte demohngeachtet nicht viel daran geändert und statt Umbauten vorzunehmen, sich darauf beschränkt, anzubauen, wie’s das Bedürfnis erheischte. So war etwas wenig Künstlerisches, aber dafür etwas Pittoreskes und zugleich sehr Praktisches entstanden.“

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Als sei dem Hausherrn Wiesike nach seinem Tod die leicht diffuse Planung seiner Baumaßnahmen nicht mehr ganz geheuer, hat er sich in ein Grab gut 100 Meter tief in einen nahen Wald geflüchtet. Heute wandert man durchs Unterholz, um diesen Ort der Ruhe zu entdecken.

Einen Fuhrpark mit Baggern lässt man hinter sich, bevor ein hoher, blickdichter Gartenzaun wohl eine  Spur von Pietät für Wiesike bewahren soll. Ein Reh springt auf, wenn man das Grab erreicht. Es wirkt empört, als hätte es hier ewig keinen Menschen mehr gesehen.  

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Theodor Fontane schrieb seinem Freund, den er „unter Plaues ewig blauem Himmel“ jährlich besucht hatte, als Nachruf:

„Ich persönlich kann seiner nicht ohne Dank und Rührung gedenken und zähle die mit ihm verplauderten Stunden zu meinen glücklichsten und bestangelegten. Jedenfalls aber gehört er in seiner für märkische Verhältnisse merkwürdigen Mischung von finanzlicher und philosophischer Spekulation, von Pfadfinder und Sokrates, von Diogenes und Lukull, zu den interessantesten Figuren, die mir auf meinem Lebenswege begegnet sind.“

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Das Grab liegt in Randlage, Plaues gute Stube liegt anderswo. Fontane notierte:

„Am schönsten ist es aber doch am Rand des Sees, wo Weidicht und Rohr abwechseln. Besser: Hoch das Rohr steht.“

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Dort, wo es am schönsten ist, steht meist das Schloss. Doch das Schloss ist nicht immer das schönste Haus am Platz. Auch in Plaue gilt das, selbst wenn es nur ein bisschen Salbe bräuchte, denn die Haut, die Fassade des Schlosses ist gegerbt.

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Das Haus stand lange leer, seit knapp zehn Jahren aber hört man wieder einen Herzschlag. Die Wiederbelebung glückte. Ein Hotel samt Restaurant ist hier zu Hause, 60 Gästebetten stehen bereit. Im Sommerhalbjahr wird im Wochenendrhythmus geheiratet. Die Liebe tut der alten, edlen Hütte gut.

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Doch auch hier gilt der Kalenderspruch: Allein mit Liebe ist es nicht getan. Es braucht einen technischen Leiter wie Klaus Schumann, der es gerade furchtbar eilig hat, weil er telefonieren muss. Die Termine drücken. Er hat zu tun, ein gutes Zeichen. Der Laden läuft.

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Schumann setzt sich in die Sonne des Schlosshofs, tut gelassen. Und nach dem letzten Bild läuft er zum Auto. „Im Sommer“, sagt er, „wird der Hof bespielt, dann kommt Hank Teufer, der Theatermann aus Brandenburg/Havel, mit seinem Stück über Fontane.“ Schumann ist nicht nur der Mann, der die Schrauben am Schloss justiert, er hat auch Sinn für Kunst.

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Theodor Fontane schrieb über diesen Ort:

„Schloß Plaue, wie sich’s gegenwärtig präsentiert, ist in seiner äußeren Erscheinung, noch immer der Bau, den Friedrich von Görne zwischen 1711 und 1715 hier entstehen ließ. (...)

Aber sowenig in dieser äußeren Erscheinung geändert wurde, das Innere des Schlosses hat doch erhebliche Veränderungen erfahren, am meisten in Bezug auf Ausstattung einiger schon durch ihren Umfang in Betracht kommenden Räumlichkeiten.“  

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Heute setzen sie im Schloss verhalten auf die Aura von Fontane. Bei Kaffee und Kuchen. Und bei feinem Porzellan, für das sie in Plaue immer schon berühmt waren. Gerne liegt dann ein Buch des Dichters in Reichweite.

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Wo wäre so ein Buch zu kaufen? Wahrscheinlich im „Buchladen“ an der Genthiner Straße. Das Schaufenster indessen weist in eine andere Richtung: Dort liegen Dan Brown und Ken Follett. Der Laden ist eng, ein Mann mit dunklem Haar begrüßt den Gast, er wartet hinter einem Postschalter auf Kunden. Das Geschäft mit Büchern ist nicht immer lohnend, darum kümmert er sich auch um die Paketausgabe im Ort.

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Fontane? Der Mann überlegt. Nein, Fontane sei nicht der Markenkern des Ladens. „Ich verkaufe nur gebrauchte Bücher, ein oder zwei Euro, mehr kosten die nicht.“ Er schaut sich um. „Die Leute wollen von Fontane sowieso nur dieses eine Buch: Wanderungen durch die Mark Brandenburg.“ Ja, das besitze er, doch hat es gerade nicht nur Hand. „Mein Vater liest es, er will nicht, dass wir es verkaufen. Ich kann es den Leuten zur Ansicht holen. Sie können hineinschauen, aber mitnehmen, das geht nicht.“

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Ein Buchhändler, dessen Vater so innig an Fontane hängt, dass er das Buch des Dichters nicht verkauft, ist eine schöne Pointe in diesem Ort, der seinen „Fontane-Wanderweg“ gewissenhaft ausschildert. Sie sind stolz, dass sich der Autor dezidiert und nahezu behaglich über Plaue ausgelassen hat, auch wenn er vor allem Richtung Wiesike gewandert ist.

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Um einen Schoppen Wein zu trinken und im Gespräch zu prüfen, ob die Welt noch steht. Wahrscheinlich hätte Theodor Fontane keine hohe Meinung von den Browns und Folletts. Doch dass Paul und Ole, diese wachen Jungs des 21. Jahrhunderts, in die Bremsen treten, um Theodor Fontanes Denkmal zu erkunden, und dabei ihren Helm abnehmen, aus Respekt – das hätte ihn mit unserer Zeit versöhnt.

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Plaue ist ursprünglich eine Stadt im Kreis Westhavelland des preußischen Regierungsbezirks Potsdam gewesen – 1952 wurde sie gemeinsam mit Kirchmöser in die Stadt Brandenburg an der Havel eingemeindet. Rund 2600 Menschen leben hier.

Der Ort liegt am Ausfluss der Havel aus dem Plauer See, nordöstlich der Einmündung des Elbe-Havel-Kanals. In dem bis 1945 im Eigentum der Grafen von Königsmarck befindlichen Schloss Plaue war bis 1993 eine Sprachschule untergebracht.

Westlich und südlich des Schlosses liegt der Schlosspark, er entstand im frühen 18. Jahrhundert zunächst als barocke Anlage. Ab 1860 wurde er durch die Familie von Königsmarck zum Landschaftspark umgestaltet.

Der Plauer Fontaneweg, ein vom Unabhängigen Bürgerverein Plaue und vom Förderverein Schlosspark Plaue erschlossener, kurzer kulturgeschichtlicher Wanderweg, verbindet die Stationen in Plaue, die Bezug auf Theodor Fontane nehmen.

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Unsere Wanderung startet im Schlosspark an der Pfarrkirche. Am besten erreichen Sie diesen mit dem Regionalexpress: Vom Potsdamer Hauptbahnhof aus nehmen Sie den RE 1 in Richtung Magdeburg und steigen in Wusterwitz in die Buslinie 560 (Richtung Brandenburg Hbf) um. Die Endstation heißt Plaue Görneweg. Die Anreise dauert eine Stunde.

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Sie sind sich nicht ganz sicher, wie groß sie diesen Sohn der Stadt, den Dichter Theodor Fontane, in Neuruppin montieren sollen – eher ungeschützt dem Wind aussetzen, oder als kleine, kluge Fußnote in die Manteltasche stecken?

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  Die Stadt entscheidet sich für ein Ost-West-Gefälle: Im Osten, am Bahnhof Rheinsberger Tor, steht die Touristen-Info. Dort gibt es Theodor als Playmobilfigur - als lebensgroßen Aufsteller und in klein, zum Mitnehmen, fünf Euro schwer und nicht höher als ein Textmarker. 

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Drüben im Westen, am Fontaneplatz, haben sie den Dichter aufs Podest gehoben, überlebensgroß, selbstsicher wie ein Firmenchef ruht er auf seinem Denkmal.  

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Der kleine und der große Dichter sind die Pole, die das zentrale Neuruppin markieren, von dem Fontane in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ spricht. Es gibt zwei Wege, um vom Playmobil-Fontane im Osten zum schweren Bronzemann im Westen zu gelangen. 

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Einerseits die Magistrale der Stadt entlang, streng geradeaus. Sie heißt Karl-Marx-Straße, auch wenn Karl Marx mit Neuruppin nicht viel zu tun hat – Fontane als ihr Namensgeber wäre eine logischere Wahl gewesen.

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Oder man nimmt den Wall, der nördlich einen Bogen zwischen Touristeninfo und Denkmal schlägt. Fontane hätte sicherlich den Wall gewählt, der Park gefiel ihm:

„Entzückend Bild! Aus dem Rasengrund vor mir wachsen allerlei Hagebuttensträucher auf, kahl und windzerfahren. In diesem friedlichen Augenblick aber hängen die roten Früchte still am Gezweig und zwischen den Ästen spannen sich Spinneweben aus und schillern in allen Farben des Regenbogens.“

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Auch wenn kein bunter Bogen am Himmel hängt, zählt diese Anlage noch immer zu den schönsten, wunderlichsten Ecken der Stadt.

Auf der Wallpromenade sieht man den Ort von hinten, seine Höfe, Gärten, Schaukeln, die Mütter schieben ihre Kinderwagen, in denen nirgendwo ein Baby schreit – auch die Kleinen spüren die Entspannung und Erhabenheit des grünen Gürtels.

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Städte fransen gerne aus an ihren Rändern, in Neuruppin scheint sich die Stadt an ihrem Rand zu sammeln. „Wie still, wie schön!“ , seufzte Fontane in seinen „Wanderungen“ (hier ist ein Auszug aus dem Vorwort zu sehen), als er 1859 durch seine Heimat lief. Er schrieb über die Gegend, als sei sie ein Geschenk mit Schleife.

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Den Kern der Stadt hingegen hat der Dichter nicht so sanft umkränzt. Er wurde schroffer, schrieb um sein Leben, kein Wunder, es war der Ort, an dem Fontane am 30. Dezember 1819 geboren wurde. Dort hatte er versucht, das Abitur abzulegen, er kam nicht weit und wurde nach Berlin geschickt, ins Internat.

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Fontanes Friedrich-Wilhelm-Gymnasium ist geschlossen worden, im Gebäude, das nun Altes Gymnasium heißt, sitzt heute eine Kunst- und Musikschule.

Trotzdem muss man hier die Kronzeugen für die Fontane-Zeit suchen, denn der Dichter hat nur die ersten sechs Lebensjahre in der Stadt verbracht, ging mit den Eltern nach Swinemünde an die Ostsee und kehrte für ein Jahr zurück, das Abitur im Blick. Seine prägenden Jahre lagen in der Kinder- und Jugendzeit.

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Hanna und Karl gehen in die 10. Klasse des Gymnasiums, Marie in die siebte, leichtes Gepäck auf ihrem Rücken, die Schule ist aus. Die Mienen sind sorglos, soweit das eben möglich ist während der Pubertät. Fotografiert werden möchten sie nicht. Wenn man sie auf Fontane anspricht, schauen sie verdutzt. 

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Karls Frisur hat durch die Handvoll Gel den Schub in Richtung Frauenheld bekommen. Hanna, groß und schlank, sagt kluge Sätze. Sie strafft sich, wirft sich in die Pose einer Diplomatin: „Ich habe nichts gegen Fontane, aber ich mag es nicht, wenn er hier überall ein Thema ist, das wird zu viel.“  

In der Schule hat sie ihn noch nicht gelesen, „und ich glaube, auch die meisten, die sich mit ihm schmücken, kennen seine Bücher kaum.“ Sie findet den Fontane-Kult in ihrer Stadt ein bisschen „scheinheilig“. An seinem Namen kommt man hier gerade nicht vorbei.

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Und Karl? Hat „das Gedicht mit dem Birnbaum im Unterricht gelernt“, ist jetzt jedoch aus guten Gründen nicht bereit, es einem fremden Menschen vor dem alten Schulhaus aufzusagen. Karl hat es eilig. Wer es mit 16 Jahren nicht eilig hat, hat etwas falsch gemacht im Leben.

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Fontanes Text über die Heimat Neuruppin ist nicht das Zeugnis einer Wanderung, sein Text gleicht einer Bohrung.

Er lässt sich treiben durch den Ort, ohne klare Route, er möchte ihn vermessen: mental, vor allem auch historisch. Hier ist er geboren. War nicht glücklich. Weil die Eltern sich stritten, die Mutter ihn geschlagen hat und der Vater ein glückloser Spieler war.

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Auf dem Boden jener Jahre wachsen seine Bücher, der Ruhm und die Neurosen. So groß sie ihn in Neuruppin auch machen, sie haben kein Geburtshaus, das man begehen könnte. Die Zimmer seiner Kindheit über der Apotheke sind privat bewohnt.


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Es ist nicht alles eitel Sonnenschein zwischen dem Dichter und seiner Heimat. Was nichts daran ändert, dass Neuruppin in diesen Tagen eine oft herrlich restaurierte Stadt mit Seele und Geschichte ist. Im Museum des Ortes haben sie gerade die „Leitausstellung“ zum 200. Geburtstag des Dichters eröffnet.

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Über sein Friedrich-Wilhelm-Gymnasium schreibt Theodor Fontane in den „Wanderungen“ sehr kritisch, ging hart mit der offensiv geprägten Architektur, die dem Aufmarsch der Armee gewidmet war, ins Gericht:

„Es wurde nach dem Brande von 1787 auf einem Platzviereck errichtet, auf dem wenigstens drei Kölner Dome hätten stehen können. Für eine reiche Residenzstadt voll hoher Häuser und Paläste, voll Leben und Verkehr, mag solche raumverschwendende Anlage die empfehlenswerteste sein, für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich. So entsteht Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langeweile macht.“

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Nicht nur dem weiten Schulplatz vor dem Alten Gymnasium hatte Fontane einen Seitenhieb verpasst. Er mokierte sich generell über die Sicht auf Bildung und Erziehung:

„Denn ich bekämpfe den Satz und werd‘ ihn bis zum letzten Lebenshauche bekämpfen, dass der Normalabiturient oder der durch sieben Examina gegangene Patentpreuße die Blüte der Menschheit repräsentiert.“

Fontane hat nie studiert. Er hätte Karl und Hanna sicherlich gemocht, die sich auf einen gesunden Argwohn gegenüber ihren Lehrplänen berufen.

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Fontane hat nie studiert. Er hätte Karl und Hanna sicherlich gemocht, die sich auf einen gesunden Argwohn gegenüber ihren Lehrplänen berufen.

Auf dem Schulplatz steht ein Wagen, der frische Crepes verkauft. Daneben ein Textilhändler, „zwei Paar Damen oder Herrensocken ohne Gummizug“, drei Euro kosten sie. Kein Ort zum Verweilen, dafür fehlt dem Platz die Dimension der Geborgenheit.

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Da drüben, gleich vor dem Friedrich-Wilhelm-Denkmal, unterhalten sich zwei Frauen über die Lenker ihrer Räder hinweg. Gritt Maruschke und Hania Rothe.






„Mögen Sie Fontane?“ Sie lachen ein vertrautes Freundinnen-Lachen. „Wir sind Tanzpädagoginnen“, erzählt Gritt Maruschke, „und proben mit Kindern gerade ein Stück zu Fontane." Am 11. Mai wird im Neuruppiner Alten Kaufhaus Premiere gefeiert.

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Sie möchten den Verdacht möglichst charmant entkräften, dass sie als Fontane-Fachleute zu gelten haben. „Ich kenne Effi Briest, im Moment lese ich ein Buch über die Frauen bei Fontane“, erzählt Maruschke. Sie klopfe Fontane auf ihre eigene Lebenswirklichkeit hin ab, zur Weiblichkeit hat er ja einiges gesagt.

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Der Dichter könne hier und da auch heute noch in Maßen Orientierung geben. „Orientierung ist ein gutes Stichwort“, sagt Hania Roth, die aus Polen stammt und beim Spaziergang am Ruppiner See zufällig immer wieder auf beschilderte Fontane-Wanderwege stößt. „Wenn ich mich verabrede, sagen wir, lass uns am Fontane-Denkmal treffen. Das kennt jeder.“ Fontane strukturiert die Stadt noch heute.

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Der Weg von der Schule zu Fontanes Geburtshaus ist kurz. Man kommt ohne Karte zurecht, weil das Raster der Stadt sich an die Strenge der rechtwinkligen Straßenzüge von Manhattan hält.

Das Fontanehaus ist eine Apotheke, die Löwen-Apotheke, der Vater von Fontane hat sie einst gekauft. Theodor wuchs im ersten Obergeschoss auf, heute lebt dort eine älteren Dame.

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Klingeln. Niemand zu Hause. „Sie arbeitet wahrscheinlich im Garten“, erzählt Nicole Conrad (l.), seit 2005 führt sie die Apotheke. Eine junge Apothekerin, 40 Jahre alt, ihr Haar ist hennarot. „Diese Apotheke habe ich mir bewusst ausgesucht, es ist eine Verpflichtung, hier zu arbeiten.“

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Vor drei Jahren hat sie sich Fontane als Bildnis ins Geschäft malen lassen, als jungen Mann, „das passt besser zu mir, auch wenn man ihn sonst meist als alten, nachdenklichen Herrn auf den Gemälden sieht.“

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Die rechte Szene fand das Bildnis in der Apotheke attraktiv, ganz gegen den Willen der Apothekerin, weil es aus einer nationalkonservativen Zeit stamme, „als nur Deutsche in Deutschland leben sollten“, erläutert Conrad die wackeligen Thesen der rechten Szene.

Sie aber verbindet Bodenständigkeit, Zukunftsglauben und Weltoffenheit mit dem Dichter. Immer wieder sieht sie, wie sich Touristengruppen vor der Apotheke sammeln, die Reiseführer referieren knapp, dann müsse der Tross weiter – keine Zeit, in die Apotheke zu schauen.

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Nicole Conrad möchte eine Kopie von Fontanes Approbationsurkunde als Apotheker ins Schaufenster stellen, um ihn zu würdigen. Sie hat ausgewählte Fontane-Sätze an die Wand drucken lassen, die seiner Apothekerzeit entnommen sind: „Glück stärkt = Wir reden nicht von Hexenwerk.“ Ihr liebster: „Spazieren zu sitzen, ist ein Genuss.“ 

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Seit acht Jahren hat sie den Fontane-Tee im Sortiment, „Theos Teezeit“, Kräuterbasis, nicht aromatisiert, 2,50 Euro. „Den kaufen vor allem die Neuruppiner.“ Es ist der Nachweis, dass der Prophet etwas im eigenen Lande gilt – wenn er den Leuten Beruhigung verspricht.

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Fontane hat in seinen „Wanderungen" viel über die Geschichte der Klosterkirche nahe des Ruppiner Sees geschrieben. An dessen Ufer kam er an in Neuruppin, aus Wustrau traf er mit dem Schiff ein, diese Verbindung gibt es heute nicht mehr. 

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Aber es gibt den Fontane-Sekt, -Wein und -Williamsbrand, den man im Fenster des Weinhauses am Neuen Markt sieht, wenn man vom See hinauf in die Stadt geht.

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Zurück am Bahnhof Rheinsberger Tor, sieht man gegenüber der Gleise das Projekbüro von „Word & Play!“ – einen Slogan, den man ernst nehmen sollte. Wort und Spielen! Wie erwähnt, Fontane hat Neuruppin als Kind bewohnt, Spielen ist die Essenz der frühen Jahre.

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Julia Peetz und Irena Trivonoff Ilieff, zwei junge Frauen, sorgen dafür, dass Fontane nicht der alte Mann im Ohrensessel bleibt, den man an jeder Ecke sieht. Sie sind überzeugt: „Fontanes Themen passen hervorragend in unsere Zeit, er wollte das Alte erneuern, hat die Perspektiven hin- und hergeschoben, hat enorm viel Stoff für seine Bücher gesammelt und Skizzen gefertigt, Gedanken auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt.“

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Sie erzählen mit einem Feuer, als wäre Fontane einer, der heute als Blogger die Jugend begeistert. Jemand, der seine radikale Subjektivität im Internet als Wegweiser unter die Leute streut.

„Ja, das könnte er tatsächlich", sind sie sich einig. Im Sommer veranstalten sie unter dem Titel „Word & Play!“ in Neuruppin ein bundesweites Camp, um Videospiele aus Fontanes Themen mit jungen Leuten zu entwickeln. 

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Die beiden waren schon auf Werbetour, mit Konstruktionen aus Lego. Das sinkende Schiff des Steuermanns John Maynard, „Er hat uns gerettet, er trägt die Kron, / Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn“, halten sie in Händen. Stolz, als sei es eine Erstausgabe des Dichters. Würde er die beiden kennen, hätte er mindestens eine Ballade über sie geschrieben.

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Neuruppin ​(Landkreis Ostprignitz-Ruppin) trägt den Beinamen „Fontanestadt“, weil der Dichter Theodor Fontane hier am 30. Dezember 1819 geboren wurde. Es gibt hier u.a. auch eine Fontane-Dönerbude, Fontane-Ampelmännchen und die Fontane-Therme.

Derzeit leben etwas mehr als 30.000 Menschen in der Stadt, sie ist eine der flächengrößten Städte Deutschlands.  

Die Verleihung des Stendaler Stadtrechts ​erfolgte am 9. März 1256 durch Günther von Arnstein.  1688 wurde Neuruppin eine der ersten Garnisonsstädte Brandenburgs. Hier war Kronprinz Friedrich 1732-1740 nach seinem erfolglosen Fluchtversuch und anschließender Haft der Inhaber des „Regiments zu Fuß Kronprinz“.  

Nach einem Flächenbrand ​am 26. August 1787 blieben nur zwei schmale Bereiche am Ost- und Westrand der Stadt erhalten. Das Feuer brach in einer mit Getreide gefüllten Scheune am Bechliner Tor aus. Stadtbaudirektor Bernhard Mattias Brasch organisierte den Wiederaufbau.  

Nicht nur Theodor Fontane ​kommt aus Neuruppin, sondern auch der Baumeister Karl Friedrich Schinkel (geboren am 13. März 1781) und die Schriftstellerin Eva Strittmatter (geboren am 8. Februar 1930).

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Unsere Wanderung startet am Bahnhof Rheinsberger Tor. Am besten erreichen Sie diesen mit dem Regionalexpress RE 6: Vom Potsdamer Hauptbahnhof nehmen Sie die RB 20 Richtung Oranienburg und steigen in Hennigsdorf in den RE 6 Richtung Wittenberge um. Die Anreise dauert anderthalb Stunden.

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Fontane kannte viele Frauen, Melusine aus dem „Stechlin“, die aschblonde Lene aus „Irrungen, Wirrungen“ mit ihren Rechtschreibfehlern. Und Effi aus „Effi Briest“.

Weil das keine Bars sind, sondern Bücher, gibt es diese Damen immer noch. Theodor Fontane hat sie konstruiert, beatmet und in die Männerwelt geworfen. Aber eine Tussi hat es bei ihm nie aufs Cover geschafft.

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Deshalb überrascht es, dass „Tussy II“ die Wanderwege von Fontane kreuzt. Doch Tussy II gehört nicht zu den pinken Partymädchen, ihr Name führt uns in die Irre.

Sie ist wetterfest, knapp 21 Jahre alt, schlägt Wellen – und ist nicht ungeduldig. Ist das nicht der perfekter Sound für eine Partnerbörse?

Doch „Tussy II“ ist ein riskantes Pseudonym, es zieht die falschen Kerle an. Sie sagt von sich, sie stamme aus dem „Baujahr 1998“.

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Man muss sich keine Sorgen machen, Tussy II hat einen guten Mann gefunden. Einen Fährmann, der auch mal lacht und keine Radler über Bord wirft, wenn sie auf dem Schiff falsch parken.

Tussy II, so heißt die Fähre zwischen Geltow und Caputh (Potsdam-Mittelmark), drei Minuten Fahrzeit, 50 Cent für eine Fahrt pro Fußgänger. Der Fährmann sagt, er fährt hier nur im Winter, sonst steuert er die „Feierschiffe“ auf der Havel.

Feierschiff. Ein Wort aus ferner Zeit. Denn im Moment bläst kalter Wind. Nirgendwo ein Zapfhahn.

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Ausgerechnet Tussy II, die einen Hauch von Party schon im Namen trägt, ist ein Verkehrsschiff ohne Flausen. Nachfolgerin der ausgesprochen rot bemalten Tussy I, die auf Geltower Seite wie ein toter Dinosaurier liegt. Als Erinnerung.

Sie wurde 1942 gebaut, das Jahr, in dem man überlegte, eine Brücke zwischen Caputh und Geltow zu spannen. Hat man verworfen. Und lieber Tussy I zusammengeschraubt.

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Wie das Schiff hieß, mit dem Fontane 1869 übersetzte, hat er nicht erwähnt. Aber es hat ihn beeindruckt:

„Grün und weiß die Planken und Ruder; das Segel war noch an den Mast gebunden. Wir stiegen ein zu dritt, mit uns die Söhne des Fährmannes, drei junge Caputher Midshipmen zwischen zehn und vierzehn, die auf dem Schwilow für den vaterländischen Dienst sich vorbereiten, wie einst der Peipus die hohe Schule war für die werdende russische Flotte.“




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Die Idee mit der Brücke ist gestorben. „Keine Angst, das wird nichts mehr“, klare Worte des Fährmanns. Er hat den sichersten Job am See. Die Fähre wird gebraucht.

Genau wie damals, als Theodor Fontane übersetzte, nachdem er im Caputher Gasthof Boßdorf - der stand möglicherweise hier in der Weberstraße 11 - das „beste Bier“ der Gegend getrunken hatte.

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 Er schrieb vom „Schwilow“, wie er ihn nennt, in seinem zweiten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ im Kapitel „Havelland“:

„Der See ist gutmütig, so sagen wir; aber wie alle gutmütigen Naturen kann er heftig werden, plötzlich, beinahe unmotiviert, und dann ist er unberechenbar.

Eben noch lachend, beginnt ein Kräuseln und Drehen, nur ein Wirbel, ein Aufstäuben, ein Gewölk – es ist, als führe eine Hand aus dem Trichter, und was über ihm ist, muss hinab in die Tiefe. Es gibt ganze Linien, wo die gescheiterten Schiffe liegen.“

Wo findet man diese Wracks? 150 Jahre nach Fontanes Wanderung hat Tussy II die exklusive Herrschaft über den See.



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Es ist ein matter Tag, das Licht scheint ausgeknipst, der „Schwilow“ ist ein anderer als der, von dem Fontane spricht. Sein See war eine Sommerfrische:


„In dem Moment der Landung, wo immer es sei, scheint die Welt aus lauter weißgekleideten kleinen Mädchen mit rosa Schleifen zu bestehen.“

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Gerade sitzen die kleinen Mädchen in der Schule, die in Caputh nach Albert Einstein benannt wurde, nicht nach Fontane. Einstein ist der große Mann des Ortes, Fontane war nur ein Durchreisender.

Oder täuscht der Eindruck? Wir müssen die These erhärten. Und Zeugen finden. Die Mädchen sind in der Schule und die Schiffe im Verhau, wo sie auf den Frühling warten.

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Darum ist Tussy II derzeit das einzige Mädchen auf dem See, Tragfähigkeit 23,6 Tonnen, maximale Achslast 11,0 Tonnen. Sie hat Kraft. Doch damit kokettiert sie nicht.

Zehn Kilometer am Tag fährt Tussy hin- und her, erzählt der Fährmann. Und klingt wie ein zufriedener Konditionstrainer.

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Fontane traf sein Urteil über Caputh und Petzow, der Ort am Ufer gegenüber, in einem leichtfertigen, metropolenhaft erregten Satz:

„Wie Buda-Pest, oder wie Köln und Deutz ein Doppelgestirn bilden, so auch Caput und Petzow.“

Buda und Pest? Köln und Deutz? Hätte er noch zu Manhattan und Brooklyn gegriffen, dann wären Caputh und Geltow heilig gesprochen.

Aufgenommen in den Reigen der Geschwister-Ufer, die sich in die Augen blicken und nicht recht wissen, ob sie einander lieben oder konkurrieren. Sie sind per Brückenschlag verbunden. Das bleibt Caputh und Geltow verwehrt.

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Nein, kein Brooklyn und Manhattan bei Fontane. Doch er nennt Caputh „das Chicago des Schwilowsees“. Heute denkt man beim alten Chicago an Mafia und lockere Knarren. In Fontanes Tagen war das anders. Er bezog sich auf den Handelsstandort:

„... nicht bloß End- und Ausgangspunkt der Zauche-Havelländischen Ziegeldistrikte, nein, es ist auch ein Stationspunkt, an dem der ganze Handelsverkehr vorüber muss.“

Das hat sich geändert. Auf dem Schwielowsee regiert die Lustbarkeit, wer hier ab Frühling Segel setzt, tut es aus Muße, nicht mehr im Dienst der Ziegel. Auch Fontane hat den Schwielowsee als Biotop der Naherholung und des guten Bieres gepriesen.

Er wollte mit dem Boot hinaus. Als er überlegte, ob er abends nach Berlin fahren oder am See übernachte solle, mahnte sein Reiseleiter: „Sie kennen Boßdorf nicht. Er hat das beste Bier und die besten Betten. Boßdorf ist ein Name in dieser Gegend.“

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Boßdorf! Das Problem, wenn man im Winter 2019 zu Boßdorf will: Niemand weiß präzise, wo dieses Gasthaus lag. Es gibt zwei Denkrichtungen in Caputh, die der Heimatforscher Heinz H. Schmal in seinem kleinen Heft, 18 Seite stark, zwei Euro teuer, umreißt.

Bosdorf, wie er bei Schmal heißt, hätte bei Fontanes Besuch im Jahr 1869 seine Gaststätte in der Weberstraße 11 (Foto) oder in der Weinbergstraße 11 führen können, an beiden Orten gab es Ausschank.

Wer hat Gewissheit? Heinz H. Schmal rät ab, diese Recherche auf eigene Faust zu vertiefen: „Für diejenigen Leser, die sich beide Adressen ansehen möchten, muss ich gleich vorausschicken, dass sich in beiden Häusern keine Gaststätte mehr befindet. Es sind private Wohnhäuser, deren Bewohner in Ruhe gelassen werden wollen.“


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Ein Märker, der nicht reden will – es ergäbe keinen Sinn, an Naturgewalten zu rütteln.

Vertrauen wir Heinz H. Schmal: „Nach dem Tode von Johann Carl Andreas Bosdorf erhielt das Anwesen in der Weinbergstraße 11 also 1867 seine Witwe Caroline Friederike, geb. Leo. Und von diesem Zeitpunkt an unterscheidet sich die Geschichte der beiden Grundstücke. Während das Grundstück in der Weberstraße verkauft wird, verbleibt das Grundstück in der Weinbergstraße im Besitz der Familie, und zwar bis nach dem 2. Weltkrieg.“

Es scheint entschieden: Fontane logierte in der Weinbergstraße, gleich am Fähranleger.

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Wer hinüber will nach Geltow, um auf Fontanes Spuren Richtung Petzow zu wandern, muss in Caputh noch nach Gewissheit suchen: Einstein oder Fontane, wen von beiden lieben sie hier heißer?

Wer die Touristeninformation erreicht, sieht auf dem Banner vor dem Haus ein Einstein-Zitat: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“ 

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Einstein mit seinem Caputher Einsteinhaus, ein Sommerhaus aus Holz, in dem er von 1929 bis 1932 lebte, ist im Ort der Hausheilige. Ein stationärer Mann, der für eine Weile Wurzeln schlug.

Der Wanderer Fontane gilt hier als ambulanter, gern gesehener Gast. Einer, der bald weiterzog. Nach einem Bier bei Boßdorf und einem Blick auf die Schleifen der Mädchen.

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In der Caputher Touristeninformation trifft man Uschy Lehmann und Ulrike Spaak. Fontane? Zu ihm wird es ab Anfang Juli eine App geben, mit Interviews, Lesungen und Erläuterungen über seinen Aufenthalt im Ort. Gedacht für Fahrradfahrer und Wanderer.

Aber, das räumen sie ein, Einstein stehe gerade beim internationalen Publikum noch eine Stufe über Theodor Fontane. Internationale Gäste?

„Vor allem die Niederländer kommen, sie haben die Ostseeküste gründlich erkundet und fahren mit ihren Booten nun aufs Binnengewässer. Bis runter auf den Schwielowsee.“

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Verlassen wir Caputh. Rüber nach Geltow, dann über die Baumgartenbrücke Richtung Petzow, wo sich auch die Schinkelkirche (Foto) befindet.

Fontane vergleicht Petzow fast schamlos mit Caputh, wie zwei Schwestern, auf der Suche nach der hübscheren:

„Caput ist ganz Handel, Petzow ist ganz Industrie. Dort eine Wasserstraße, eine Werft, ein Hafenverkehr; hier die Tag und Nacht dampfende Esse, das nie erlöschende Feuer des Ziegelofens. Schönheit der Lage ist beiden gemeinsam; doch ist Petzow hierin weit überlegen, sowohl seiner eigenen unmittelbaren Erscheinung, als dem landschaftlichen Rundblick, den es gestattet.“

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Das Urteil ist streng persönlich und lässt sich – auch heute noch – anfechten. Dennoch spielt es Fontanes Urteil in die Karten, dass sich das „Resort Schwielowsee“ (hier vom Aussichtspunkt bei der Altmannlinde in Caputh aus fotografiert), eine Feriensiedlung mit gehobenem Preis und weltläufigen Hinweisschildern aufs „Restaurant Seapoint“, „Havanna Bar“ und „Event Center“ eben ans Ufer von Petzow schmiegt, das Fontane so belobigt hat. 

Das mächtige Resort wirkt wie ein Schloss der Neuzeit – den Königen unserer Tage freilich wird gnadenlos auf die Finger geschaut. Der Hotelier Axel Hilpert wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er sich mit dieser Ferienanlage Millionen an Fördergeldern erschwindelte. Das Haus ging insolvent. Nun hat es einen neuen Betreiber.

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Das viel ältere, historische Schloss in Petzow aber ist eigentlich ein Gutshaus im Kern des Ortes. Fontane mäkelte:

„Der Bau, wie er sich unter Efeu und Linden darstellt, wirkt pittoresk genug , ohne dass er im übrigen besonders zu loben wäre. Es ist bemerkenswert, dass alles Gotische oder aus der Gotik Hergeleitete auf unserm märkischen Boden seit der Wiederbelebung dieses Stils nicht gelingen wollte.“

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Das Gutshaus wird in Eigentumswohnungen aufgeteilt, sie werden derzeit verkauft: „Wohnen, wo andere Urlaub machen. Erwacht aus einem langen Schlaf – das Schloss Petzow“, so steht es vor dem Eingang. 

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Auf dem Weg zurück ins Dorf liegt die Fontane-Klause. Sie hat noch zu. Und wirbt mit Wildgerichten. Doch richtig wild wird es hier erst im Sommer.

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Der Schwielowsee ​(Potsdam-Mittelmark) gehört zur Kette großer Seen im Flusslauf der mittleren Havel. Er ist circa 786 Hektar groß, seine größte Längsausdehnung liegt bei 5,4 Kilometern, die maximale Breite bei 2,0 Kilometern.

Die tiefste Stelle des Sees misst 9,1 Meter, seine durchschnittliche Tiefe beträgt 2,8 Meter. 

Am Ufer ​des Schwielowsees liegen die Dörfer Caputh, Ferch und Petzow, heute sind es Ortsteile der Gemeinde Schwielowsee. Geltow berührt das Ufer des Sees nur punktuell. 

Vor etwa 19.000 Jahren ​entstand der See während der frühen Weichsel-Eiszeit.

Die Maler Karl Hagemeister ​und Carl Schuch begründeten im 19. Jahrhundert in Ferch die „Havelländische Malerkolonie Ferch“. Auch Eugen Bracht und Hans-Otto Gehrcke malten an den Ufern des Schwielowsees. Ferch war seit 1927 Gehrckes Lebensmittelpunkt, dort hatte er sein Atelier und brauchte nur aus dem Fenster zu schauen, um sich für seine Boot-Motive (Foto) inspirieren zu lassen.





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Unsere Wanderung startet am Bahnhof Schwielowsee in Caputh. Am besten erreichen Sie diesen mit der Regionalbahn-Linie RB23 - vom Potsdamer Hauptbahnhof aus fährt diese nur zehn Minuten und startet jede Stunde, immer um fünf vor halb, Richtung Michendorf.

Die Wanderung endet am Schloss Petzow. An der Bushaltestelle "Schloßpark" hält die Linie 607, die Sie in knapp 40 Minuten zurück zum Potsdamer Hauptbahnhof bringt. Auf dem Weg dorthin hält der Bus auch am Bahnhof Schwielowsee.

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