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Die Nacht von Potsdam

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Potsdam im April 1945: Nazi-Deutschland ist am Ende, die russische Armee ist längst im Begriff die nahe Hauptstadt Berlin einzunehmen und alliierte Luftverbände fliegen bereits regelmäßig über Potsdam hinweg zur Reichshauptstadt und lassen dort ihre tödliche Fracht aus den Bombenschächten fallen. Allein von Januar bis Mitte April 1945 heulen die Sirenen in Potsdam über 130 Mal. Die über die Stadt fliegenden Flugzeuge und der damit einhergehende Weg zum Luftschutzbunker sind Bestandteil des Potsdamer Alltags. Doch bisher wurde die preußische Residenzstadt weitestgehend verschont. Lediglich am 22. Juni 1944 waren Babelsberg und die Teltower Vorstadt einem gezielten Tagesangriff der amerikanischen Luftstreitkräfte ausgesetzt. Die Bewohner Potsdams glauben im Frühjahr 1945 daher nicht mehr an eine groß angelegte Bombardierung ihrer Stadt. Deutschland hat den Krieg zu diesem Zeitpunkt bereits so gut wie verloren und kriegswichtige Schwerindustrie gibt es in der preußischen Residenzstadt nicht.

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Was die meisten Menschen jedoch nicht wissen: Potsdam steht seit Februar 1945 auf einer Liste mit 25 potentiellen Zielen (Operation „Thunderclap“). Und das, obwohl auch auf alliierter Seite die Notwenigkeit einer Bombardierung Potsdams in Frage gestellt wird - etwa vom britischen Premierminister Winston Churchill. Einige mächtige Generäle und Verantwortliche teilen diese Bedenken jedoch nicht. Die Militärs setzen sich durch. Potsdam bleibt auf der Liste  - und wird weniger später Ziel des letzten großen Fliegerangriffes der Royal Air Force (R.A.F.) gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.

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Ein Aufklärungsflugzeug („Spitfire“) überfliegt Potsdam und macht Fotos so wie dieses. Sie werden entscheidend für den Angriff wenige Tage später werden.

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Die Entscheidung ist endgültig gefallen: Potsdam wird am 14. April 1945 tagsüber angegriffen. Gegen 16.30 Uhr sollen acht Minuten lang Bomben auf die Stadt fallen. Wenig später eine Änderung: Der Plan, bei Tageslicht anzugreifen wird wieder verworfen. Ein Nachtangriff wird beschlossen. Beginn der Bombardierung: Samstag um 22.50 Uhr. Einen Tag später, am 13. April 1945, bekommen die beteiligten R.A.F.-Einheiten ihre ersten konkreten Einsatzbefehle.

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Fliegeralarm
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In der Nacht von Freitag auf Samstag gab es in Potsdam mal wieder Fliegeralarm. Doch um kurz nach Mitternacht ist der Spuk vorbei. Potsdam ist, wie schon so oft in letzter Zeit, mit dem Schrecken davongekommen. Ein schöner, trockener und wolkenloser Frühlingsmorgen bricht an. Die heutige Ausgabe der „Potsdamer Tageszeitung“ berichtet von den aktuellen Kriegs- und Weltnachrichten. Daneben wird für Backwürfel geworben und auf die Ausgabezeiten für Gemüse sowie  die Dom-Vesper am morgigen Sonntag hingewiesen. Zudem wird informiert, wann und warum es Fliegeralarm gibt – und wie viel Zeit bleibt, um in einen schützenden Bunker zu kommen.

Doch an diesem Vormittag ist alles ruhig, von feindlichen Bombern keine Spur und auch Kampfhandlungen am Boden gibt es keine. Die schwangere, 30-jährige Dorothea Günther bezieht nach dem Aufstehen die Betten frisch und freut sich bereits auf den Abend, um zusammen mit ihrem Mann das „Wohlgefühl der frisch bezogenen Betten zu erleben“.

Hauptmann Dr. Brauer muss an diesem Samstag zum Dienst in die Gardes-Du-Corps-Kaserne Am Kanal. Dennoch ist es für ihn ein Tag „erfüllt von buntem Leben“. In der Kaserne herrscht Trubel. Etwa 200 Mann einer Sturmgeschützkompanie machen hier Zwischenstopp. Morgen sollen sie weiter nach Böhmen ziehen.

Fliegeralarm
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Codename „Crayfish“ - Noch wenige Stunden bis zum Angriff

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Im über 1000 Kilometer entfernten England enden am Mittag die Einsatzbesprechungen mit den Bomberpiloten. Der Angriff auf Potsdam (Codename „Crayfish“) steht. Die Besatzungen bekommen erstmalig das genaue Zielgebiet präsentiert, die Flugrouten erklärt und die Punkte gezeigt, an denen mit starker deutscher Gegenwehr gerechnet werden muss. Den Piloten wird anhand markanter geographischer Merkmale erläutert, wo die Bombenlast abzuwerfen ist. Als Begründung für den Angriff heißt es lapidar, dass es sich bei den Zielen um wichtige Eisenbahnlinien und Kasernen der Wehrmacht handelt.

In den „Nachrichten für die Truppe“, die amerikanische „Feindpropaganda“, vom gestrigen Tag steht dagegen drin, wer für die Hungersnot verantwortlich ist. Die Alliierten werfen immer mal wieder Flugblätter ab, mit denen die deutsche Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg informiert werden sollte. So auch an diesen Tagen. Ein eifriger Sammler ist der junge Horst Goltz. Ein lebensgefährliches Hobby. Wer damit erwischt wird, dem drohen Strafen.

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Die letzten Startvorbereitungen bei der RAF sind abgeschlossen. 512 Flugzeuge heben innerhalb der nächsten 75 Minuten nach und nach von mehreren britischen Flugplätzen nördlich von London ab – davon haben 490 zumeist schwer beladende Lancaster-Bomber das Ziel Potsdam. Der Bomber-Strom wird fast 70 Kilometer lang werden. In Potsdam herrscht noch immer tolles Wetter und eine ungewöhnliche Fernsicht. Milde 13°C werden gemessen.

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Kurz vor 18 Uhr

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Die viermotorigen Lancaster-Bomber der Royal Air Force flogen zahlreiche Angriffe auf Deutschland. Eine britische Crew vor einem Bomber. (Foto:Imperial War Museum/undatiert)
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Nördlich von London, auf dem Stützpunk Wratting Common in der Nähe von Cambridge, steht ein viermotoriger „Lancaster“-Bomber der R.A.F. zum Start bereit. Sieben Mann warten in dem Flugzeug der Seriennummer NG 130 (21m lang, 31m Spannweite) mit auf den Startbefehl: der Pilot, der Navigator (Oberleutnant John W.K. Matthews), der Bordingenieur, der Funker und drei Bordschützen.Geladen haben sie eine Luftmine, „Cookie“ genannt (rund 1,8 Tonnen) und sieben weitere kleine Sprengbomben. Matthews, der Navigator, richtet sich auf seinem Sitz mit der Glaskuppel hinter dem Piloten auf den langen, etwa neunstündigen Flug ein. Er überprüft abermals die wichtigsten Daten und verinnerlicht den genauen Zeitplan.

18 Uhr
Startfreigabe für NG 130. Über 30 Tonnen erheben sich langsam in die Luft.

18.10 Uhr
Immer mehr Bomber erheben sich in die Luft. Jetzt begibt sich auch Oberstleutnant Hugh James Felce Le Good zu seiner Maschine. Er ist der 'Master Bomber', der Leiter des Angriffs. Über Potsdam wird er die Bombardierung aus seiner Lancaster PB 676 koordinieren.

18.18 Uhr
Die Lancaster NG 130 mit dem Navigator Matthews an Bord ist bereits gestartet, hat den Ostteil Londons unter sich gelassen und fliegt zum ersten Wendepunkt über Reigate.Jetzt hebt auch die Lancaster PB 676 mit 'Master Bomber' Hugh James Felce Le Good an Bord ab.

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Die viermotorigen Lancaster-Bomber der Royal Air Force flogen zahlreiche Angriffe auf Deutschland. Eine britische Crew vor einem Bomber. (Foto:Imperial War Museum/undatiert)
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19 Uhr

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Die Gardes du Corps-Kaserne im Jahr 2009. (Foto: Christel Köster)
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Draußen wird es kühler, der Himmel über Potsdam ist sternenklar. Der Start der alliierten Flugzeuge in England ist auch der Deutschen Luftwaffe nicht entgangen. Im deutschen Radio wird vermeldet, dass sich „zahlreiche“ feindliche Flieger von England aus gen Osten aufmachen. Dies hört auch Dr. Brauer in der Gardes-Du-Corps-Kaserne Am Kanal.

Karl-Heinz Blank übergibt zusammen mit anderen Männern der Wehrmacht in der Kaserne an der Berliner Straße einige beschlagnahmte Pferde. Weitere Aufträge bekommen sie nicht. Sie dürfen nach Hause fahren.

19.16 Uhr
Nach und nach formieren sich die Flugzeuge. Auch NG 130 nimmt nun seinen Platz in der Formation ein.

19.27 Uhr
Bei Eastbourne, an der Südspitze Englands, verlässt NG 130 die Insel. Kurs Süd-Ost Richtung französische Küste.

19.30 Uhr
Im Bereich Berlin-Potsdam gibt es Voralarm. Am Kanal, in der Gardes-Du-Corps-Kaserne, beziehen Hauptmann Dr. Brauer und seine Männer bereits Posten. Brandwachen und Spritzenmänner werden eingeteilt.

19.43 Uhr
NG 130 überfliegt Abbeville und nimmt Kurs auf die Belgische Grenze.

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Die Gardes du Corps-Kaserne im Jahr 2009. (Foto: Christel Köster)
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Vorher/Nacher Ansicht

Letzter Gottestdienst in der intakten Garnisonkirche

20 Uhr: Die fünfzehnjährige Renate Jungmann bekommt einen Anruf von ihrem Vater. Ein Großangriff auf Potsdam steht bevor, sagt er. 45 Minuten später, um 20.45 Uhr hat die Lancaster NG 130 planmäßig Luxemburg hinter sich gelassen und ist über deutschem Gebiet. Zur gleichen Zeit endet in der Garnisonkirche ein Gottesdienst. Am Abend zuvor war er aufgrund des Fliegeralarms verschoben worden, aber heute lief alles – abgesehen vom fehlenden Strom – normal. Niemand ahnt, dass es der letzte Gottesdienst in der intakten Kirche sein wird.

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21.17 Uhr
Der nächste Wendepunkt ist erreicht. NG 130 nimmt über Mainz Kurs in Richtung Nordnordost.Frankfurt am Main wird ebenso kampflos überflogen wie Marburg und Fulda. Deutsche Luftabwehr ist bisher kaum oder gar nicht vorhanden. Ziel der alliierten Luftflotte ist nun der Luftraum über Hildesheim. Von da aus soll es weiter nach Potsdam gehen.

21.30 Uhr
Wolfgang Heese, Melder bei der Polizei, ist aufgrund des Voralarms nicht sonderlich beunruhigt. „Wieder ein Angriff auf Berlin“, denkt er. Er zieht sich trotzdem an und verlässt seine Wohnung in der Kunersdorfer Straße 1. Der 16-jährige Harry Wonneberger ist bei einem Schnelligkeitskommando der Feuerwehr. Bereits jetzt, vor dem drohenden Angriff, haben sie sich im Feuerwehrdepot in der Stephensonstraße versammelt.

21.45 Uhr
Die Besatzung der Lancaster NG 130 wird über Aktivitäten der Deutschen Luftwaffe zwischen Paderborn und Kassel informiert. Die Crew korrigiert die Flughöhe, steigt auf zunächst 4600 Meter und bleibt auf Kurs in Richtung Hildesheim.

22.01 Uhr
Die Deutsche Luftwaffe ist noch nicht komplett ausgeschaltet. Zwischen Paderborn und Kassel wird ein Lancaster-Bomber in ein Feuergefecht mit einem deutschen Abfangjäger verwickelt. Das britische Flugzeug und die Besatzung überstehen den Kampf jedoch unbeschadet.

Am Kanal in der Gardes-du-Corpes-Kaserne ergibt sich plötzlich ein großes Platzproblem. Rund 100 kriegsrechtlich zum Tode verurteilte Soldaten aus Magdeburg sollen gerade jetzt untergebracht werden. Hauptmann Dr. Brauer organisiert einen Eckraum, wo die „grauen Gestalten“ untergebracht werden. Dann eilt er zu seinem Beobachtungsposten.

22.13 Uhr
NG 130 passiert den kritischen Punkt bei Paderborn ohne Kampfeinsatz und erreicht den Luftraum über Hildesheim. Jetzt geht es in Richtung Potsdam. Flughöhe: 6100 Meter – Angriffshöhe. Zur gleichen Zeit starten die Alliierten in Cuxhaven ein Ablenkungsmanöver. Zwei Minuten lang wird die Stadt an der Elbmündung bombardiert. Eine in Schleswig -Holstein stationierte Nachtflug-Division der Deutschen Luftwaffe wird somit gebunden und vom Hauptangriffsziel Potsdam abgelenkt.

Renate Jungmann ist zu diesem Zeitpunkt zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und der Nachbarfamilie im Keller in der Saarmunder Straße 11 (heute: Heinrich-Mann-Allee) angekommen.

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22:15 Uhr

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Ilse Kühn, die 14-jährige Tochter von Schlösserverwalter Max Kühn.
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Fliegeralarm in Potsdam. Die Bomber sind eindeutig auf dem Weg Richtung Potsdam/ Berlin. Die vordersten Flieger sind bereits im Luftraum über Hannover/ Braunschweig. Der Schlösserverwalter Max Kühn bewohnt mit seiner Familie eine Wohnung im nördlichen Commun am Neuen Palais. Seine 14-jährige Tochter Ilse Kühn ist erst am Freitag von der Großmutter aus Peine in Niedersachsen heimgekehrt. Dort entkam sie einem Fliegerangriff unverletzt. Jetzt muss sie wieder vor Bomben zittern.

Auch Anneliese Sotschek (Jahrgang 1920) hört den Alarm. Sie ist zusammen mit ihrer Mutter, den Großeltern und ihrem kleinen Bruder in der Wohnung der Familie in der Wollestraße in Babelsberg. Zusammen macht man sich auf den Weg in den Keller. Nur der Großvater will nicht: “Ich geh nicht in den Keller, ich hab den Ersten Weltkrieg überlebt”, sagt er und bleibt in der Wohnung.

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Ilse Kühn, die 14-jährige Tochter von Schlösserverwalter Max Kühn.
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Der Stadtschlossführer Max Nitsch wohnt mit seiner Familie im Stadtschloss selbst. Zu viert leben sie in einer Dienstwohnung im rechten Flügel des Fortunaportals. Er selbst ist gerade an der Front. Als der Alarm gegeben wird, packt seine Frau das Allernötigste zusammen, nimmt ihre dreizehnjährige Tochter Ingrid und deren kleine Schwester Bärbel an die Hand und eilt über den Schlosshof in den ausgebauten Luftschutzbunker im alten Weinkeller von Friedrich Wilhelm I. aus dem Jahr 1726.

Am Wilhelmplatz (heute: Platz der Einheit) sind der 15-jährige Werner M. und sein Bruder, der mit einer Schussverletzung auf Genesungsurlaub in Potsdam ist. Der Alarm flößt ihnen keine Angst ein. In den Keller gehen sie nicht.

Auch August und Hanna Grisebach gehen jetzt nicht mit ihren Kindern in den Keller in ihrem Haus in der Wörterstraße 3 (heute Menzelstraße) in der Berliner Vorstadt, nahe der Glienicker Brücke.

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In Babelsberg hat sich die Familie von Hannelore Wagner aus ihrem Zuhause, dem Pförtnerhaus an der Jutespinnerei, auf in den Keller der Fabrik gemacht.

In der Spandauer Straße 31 (heute: Friedrich-Ebert-Straße 78) lebt Ilse Peinert. Seit neun Jahren wohnt sie dort, direkt neben dem Stadthaus. Das Verwaltungsgebäude ist jetzt auch das Ziel von llse Peinert, da ihr Haus keinen Luftschutzkeller hat. Mit Kinderwagen und Gepäck macht sie sich zwei Treppen nach unter auf und schafft es bis zum Stadthaus.

Karl-Heinz Blank ist gerade auf dem Weg zum Bahnhof. Er hat die Lange Brücke erreicht als es ernst wird. Doch wohin? Er kennt sich in Potsdam nicht aus. 

(Foto: Die 1862 von den Brüdern Julius und L. Robert Arntz am Ufer der Nuthe in Neuendorf gegründete Fabrik war die erste Industrie-Spinnerei im Ballungsraum Potsdam-Nowawes. Mit 327 Webstühlen wurde die Fabrik 1887 zur zweitgrößten Jutespinnerei in Deutschland. Quelle: Sammlung Hannelore Wagner)

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Den Bahnhof kann der Achtjährige Martin Petrzak von seinem Zuhause fast sehen. Er wohnt mit seiner Familie in der Schützenstraße 6, gleich neben dem Lokal Petershöhe auf dem Brauhausberg (direkt über dem heutigen neuen Schwimmbad). Als die Sirenen heulen, ist er längst im Bett. Seine Mutter schnappt sich den Jungen und seinen Bruder und flieht in den Eiskeller der alten Brauerei in der Leipziger Straße. Der Vater packt noch einige Sachen zusammen.

In der Zeppelinstraße bricht der dreizehnjährige Wolfgang W. mit seiner Mutter auf in Richtung Brandenburger Tor. Im Keller seiner Schule in der Kaiser-Wilhelm-Straße (das heutige Einstein-Gymnasium in der Hegelallee) ist ein Luftschutzraum für mehrere hundert Menschen. So richtig glauben sie nicht daran, dass Potsdam heute bombardiert wird: Kasernen gibt es in der Innenstadt nicht und außerdem werden die Engländer doch sicher eine "gewisse Rücksicht auf die englische Verwandtschaft des Kaisers" nehmen...

In Bornstedt ist die 29-jährige Charlotte Joop zusammen mit ihrem vier Monate alten Sohn Wolfgang (der spätere Modeschöpfer) und einigen Flüchtlingen, die die Familie aufgenommen hat, in den Keller ihres Guts in der Ribbeckstraße gegangen. Ihre Schwester hat sich den Weg gespart. Nach dem Tod ihres Mannes geht sie nicht mehr in den Keller.

(Foto: Charlotte Joop mit Sohn Wolfgang / Privat, Aufnahme nach dem Krieg)

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Die 1929 geborene Gisela Bohl erlebt den Angriff auf Potsdam als 16-Jährige. (Foto: privat)
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Erste Flugzeuge erreichen Potsdam. Doch noch fallen keine Bomben. Manche Flieger sind schlicht und einfach zu früh und kreisen über der Stadt.

Die 16-jährige Gisela Bohl lebt mit ihrer Mutter, ihr Vater starb bereits 1939 an den Spätfolgen einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg, in der Stadtheide gegenüber vom Luftschiffhafen. Fliegeralarme sind für sie nichts Neues, aber bisher „hatte es nie einen Angriff gegeben“. Mutter und Tochter sind vorbereitet. „Ein Köfferchen mit Habseligkeiten“ steht immer griffbereit. Dieses Mal ist der Lärm der Flieger aber lauter und länger. Den Menschen, die den vorüber fliegenden Maschinen sonst nur hinterher schauten, wird jetzt bewusst, dass dieser Angriff ihrer Stadt gilt. Sie rennen in die Luftschutzkeller, versuchen ihr eigenes und das Leben ihrer Liebsten in Sicherheit zu bringen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, doch die vielen Fliegeralarme haben die Menschen eine gewisse Routine entwickeln lassen.

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Die 1929 geborene Gisela Bohl erlebt den Angriff auf Potsdam als 16-Jährige. (Foto: privat)
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August Burda, Küster der „St. Peter und Paul“ am Bassinplatz ist erstaunt, dass „entgegen den sonstigen Gewohnheiten, wo die Bewohner des Pfarrhauses kaum die Luftschutzräume aufsuchten“, sich  dieses Mal fast alle in dem Schutzraum in der Charlottenstraße 54a versammelt haben.


Der 19-jährige Jürgen Zippel, in Potsdam wegen eines Schulterdurchschusses in Behandlung, nimmt den Alarm derweil nahezu gelassen hin. „Was soll in Potsdam angesichts der Kriegslage noch geschehen“, fragt er sich. Dennoch macht er sich von seiner Unterkunft in der Hohewegstraße 12 (heute: Friedrich-Ebert-Straße 121) zum nahegelegenen Schutzbunker auf.

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Die schwangere Dorothea Günther und ihr Mann hatten die Bombardierung Dresdens (Foto) im Februar 1945 erlebt und Hunger und Kälte ertragen, doch die einsetzende Angst bei dem Sirenengeheul können sie heute nicht verdrängen. Der Fliegeralarm reißt sie aus den frisch gemachten Betten. Voller Entsetzen greifen sie das Luftschutzgepäck und stolpern in den Keller.


Freude dagegen noch beim 15-jährigen Karl-Heinz Redlin. Er ist Feinmechaniker-Lehrling bei Kaltenbach & Voigt in der Mammonstraße (heutige W. Seelenbinder-Straße). Heute ist Nachtschicht angesagt. Der Fliegeralarm kommt da genau richtig, denn Lust zum Arbeiten hat Karl-Heinz nicht. Wie die meisten denkt er, dass schon nichts passieren wird, die Bomber ihre Fracht weiter nach Berlin tragen. Im Bunker angekommen herrscht eine routinierte Alarmbereitschaft. Der Luftschutzwart lässt sogar die Tür offen – man muss ja wissen, was draußen so vor sich geht.

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Zeitzeugin Anneliese Boick berichtete 2005 bei einer Veranstaltung im Theaterhaus Potsdam von ihren Erlebnissen in der Bombennacht (Foto: Köster/Archiv)
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Das Weberhaus in der Goethestraße der Familie Boick hat keinen Keller mit Notausgang. Der Vater von Anneliese Boick hat daher selbst einen Bunker im Garten errichtet. Aber die hochschwangere Anneliese Boick weigert sich mit ihrer einjährigen Tochter in den Bunker zu gehen. Ihre Mutter schreit.

Die junge Mutter Ursula Radke lebt mit ihrem siebenmonatigen Baby und ihren Eltern in der Albrechtstraße 20-24 (heute: Am Neuen Garten). Ihr Vater ist Luftschutzwart und dreht gerade seine Runde.

Familie Reichstein, Besitzer der Brennabor-Werke, haben auf Hermannswerder nicht nur ein Grundstück, sondern auch einen Keller, der mehreren Menschen Schutz vor den Bomben bieten kann. Zwölf Menschen kauern nun in dem Raum. Darunter auch Ursula Rödiger, deren Mutter und Großmutter.

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Zeitzeugin Anneliese Boick berichtete 2005 bei einer Veranstaltung im Theaterhaus Potsdam von ihren Erlebnissen in der Bombennacht (Foto: Köster/Archiv)
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Im Park Sanssouci tritt Karl-Heinz Voß mit seiner Mutter vor die Tür der Villa Illaire. Die beiden leben im dem ehemaligen Wohnhaus des Hofgärtners. Der Himmel über der Innenstadt ist erleuchtet. „Heute ist Potsdam dran“, sagt die Mutter und flieht mit dem Jungen in einen nahegelegenen Schutzkeller.

Die Deutsche Flak hat die feindlichen Flieger ins Visier genommen, deutsche Nachtjäger steigen auf.

(Foto: Schloss und Park Sanssouci aus der Luft, wahrscheinlich 1940er Jahre | Archiv)

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Auf Befehl des „Master Bombers“ werden Beleuchtungsbomben über dem Zielgebiet abgeworfen. Anhand eines wenige Tage zuvor geschossenen Luftbildes der alliierten Streitkräfte wurden dafür vier markante Punkte rund um das Stadtzentrum ausgemacht. Im Zentrum des Zielgebietes liegt der Bahnhof.

Hauptmann Dr. Brauer huscht in der Gardes-du-Corps-Kaserne über die Gänge. Er will schnell in den Keller gelangen. Die Fenster sind mit schweren Vorhängen zugezogen, doch der grelle Schein der Markierungsbomben fällt durch das eine oder andere Loch. Er schiebt den Vorhang leicht zur Seite und „prallt geblendet zurück. Es ist, „als senk[e] sich der gestirnte Himmel langsam auf die Erde, jeder Stern eine grellweiße Fackel mit einem weißlichen Schweif hinter sich“.
(Bild: Das Zielgebiet, in dem die Bomben auf Potsdam abgeworfen werden sollten. | Google Maps)

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22.40 Uhr – Die Bomben fallen

Im Bunker des Ausbildungslagers der Hitlerjugend in der Spandauer Straße 20 (heute: Teil der Friedrich-Ebert-Straße, stadtauswärts ab Nauener Tor) wartet der 15-jährige Horst Goltz darauf, dass „das Haus über [ihm] zusammenfällt“. Das ganze Haus schaukelt „wie ein schwankendes Schiff“; das Licht flackert.

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In der Goethestraße in Babelsberg schlägt eine Bombe ein. Anneliese Boick ist nicht in den Bunker gegangen. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter steht sie unter freiem Himmel. Ihre Tochter entgleitet ihr. Sie selbst wird verschüttet und hat „nur die Arme noch frei“. Sie kann keine klaren Gedanken mehr fassen. „Was wird nun?“, fragt sie sich. Aber da ist schon der Vater bei ihr und gräbt sie und die Tochter daneben aus. Sie blickt sich um. Die Bombe hat wohl eine Garage ganz in der Nähe getroffen. Die Autos wurden herausgeschleudert. Zusammen machen sie sich auf den Weg zum nächsten Luftschutzbunker.

Im Keller in der Wollestraße in Babelsberg, dort, wo Anneliese Sotschek hockt, öffnen sich durch den Luftdruck der Bomben die Rußklappen der Öfen. Die Menschen drohen zu ersticken. Die Hauswirtin fasst sich ein Herz, rennt hoch und holt Wasser.

In der Wallstraße (heute: Karl-Gruhl-Straße) in Babelsberg brennt es „an einigen Stellen lichterloh“. Das Schnelligkeitskommando mit Harry Wonneberger rückt an. Bevor die Löscharbeiten beginnen können, „muss man zunächst Wasser holen; es wird aus der Havel gepumpt mit einer 500 Meter langen Schlauchkette“. Tote Körper und der "Geruch verkohlter Leichen" gehen ihm nahe, aber Angst hat Harry Wonneberger nicht. Durch Löscharbeiten in Berlin „hat er die schlimmsten Folgen von Luftangriffen“ erlebt. Er und seine Kameraden sind „abgestumpft“. Über die Erlebnisse sprechen sie untereinander nicht. Ihre Nacht wird noch bis Sonntag um 15 Uhr gehen.

Auch Dorothea Günther empfindet eine Todesnähe wie nie zuvor. Sie hat das Gefühl, die Welt geht unter. Die Mauern rings herum „wackeln, Kalkbrocken fallen von der Decke, Mörtel rieselt herunter, zerberstendes Glas scheppert“. Der Boden unter ihnen rollt so, „als sei heftiger Wellengang“. Bei jedem Einschlag denkt sie, dass das Haus einstürzt, das Ende gekommen ist.

In dem Schutzraum in der Nähe des Parks Sanssouci, in dem auch Karl-Heinz Voß und seine Mutter sind, herrscht Totenstille. Die Menschen im Keller sind bleich und schweigen. Auch Wolfgang W. ist von dieser unheimlichen Stille umgeben. Stumm beten die Menschen, während draußen die Bomben fallen. Im Keller schwankt es „wie auf einem Schiff oder bei einem Erdbeben“. Das Heulen der fallenden Bomben ist das Schlimmste. Sobald es aber kracht, stellt sich auch eine gewisse Erleichterung ein: Man lebt noch, die Bombe ist woanders explodiert. Dann geht ganz in der Nähe eine Luftmine runter. Der Zugang zum Keller ist verschüttet.

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Karl-Heinz Blank und zwei, drei seiner Begleiter haben sich ihrem Schicksal ergeben. Sie setzen sich „bei der Langen Brücke ans Havelufer und lassen den Angriff über [sich] ergehen“. 

Im Keller des Krankenhauses an der Behlertstraße wird die 29-jährige Hildegard H. zusammen mit anderen Frauen in einen Schutzraum gebracht. Gestern hat sie ihren zweiten Sohn Manfred geboren. Die Säuglinge werden von ihren Müttern getrennt und in einem Nachbarraum gebracht. Dann wird das Haus von einer Bombe getroffen. Die Frauen schreien „fürchterlich; auch die Kinder, die nebenan in einem extra Raum“ sind. Dann Stille. Der Raum füllt sich mit „Rauch und Staub, man [kann] nichts mehr sehen, der Qualm [wird] immer dichter“ und die Frauen bekommen kaum noch Luft zum Atmen.

In der Garde-du-Corps-Kaserne hat sich Hauptmann Dr. Brauer im Keller der Kaserne Am Kanal eingefunden. Der Boden bebt und schwankt „wie der Boden einer Segeljacht auf bewegter See. Sekundenlang? Minutenlang?“ – die Zeit ist nicht mehr greifbar. Dann knallt und rummst es heftig. Die „acht bis zehn Mann in dem kleinen Raum, der nur etwa drei mal vier Meter groß“ ist, werden durcheinander geworfen. Schwarzer Qualm kriecht in den Raum. Brauer und ein Bekannter versuchen die Tür zuzudrücken. Zu zweit stemmen sie sich gegen die Tür. Vergebens. „Immer wieder [reißt] der Luftdruck neuer Explosionen ihnen die Klinke aus der Hand“.

Die Begeisterung über den freien Abend ist bei Karl-Heinz Redlin längst gewichen. Der Wechsel von Über- und Unterdruck lässt die offene Schutztür des Bunkers in der Mammonstraße hin und her schlagen. Der 15-Jährige steckt sich die Finger in die Ohren und öffnet den Mund, um für Druckausgleich zu sorgen.

Jetzt schlagen auch erste Bomben in der Kaiser-Wilhelm-Straße ein. Hans-Werner Mihan zündet im Luftschutzraum eine „Endsieglampe“ an. Im Schein der Kerze sieht er die verängstigten Gesichter der anderen. Manche beten, andere schreien und wieder andere schweigen einfach. Die Druckwellen der Explosionen sind trotz geschlossener Kellertür deutlich zu spüren.

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Der „Master Bomber“ ist ununterbrochen damit beschäftigt, seinen Piloten den richtigen Zeitpunkt für die Bombardierung mitzuteilen. Der auffrischende und sich drehende Wind macht ihm zu schaffen, so seine Schilderung. Er bemerkt zudem den sogenannten „Rückkriecheffekt“. Viele Piloten werfen ihre Bomben aufgrund der starken Flugabwehr zu früh ab. Viele Bomben gehen westlich vom markierten Zielgebiet runter – östlich sind dagegen kaum „Weitwürfe“ auszumachen. Im Sekundentakt kommen nun seine Befehle: Mal ist die rote Zielmarkierung die falsche, mal die grüne zu ignorieren und die Konzentration wird wieder auf die rote gelenkt. Zudem setzt er die Bomberpiloten über die Deutschen Ablenkungsmarkierungen in Kenntnis. Innerhalb von Sekunden passt er seine „präzisen und hilfreichen“ Anweisungen an.

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Zeitzeugin Renate Jungmann berichtete 2005 bei einer Veranstaltung im Theaterhaus Potsdam von ihren Erlebnissen in der Bombennacht (Foto: Köster/Archiv)
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Renate Jungmann hört jetzt in der Saarmunder Straße das „Krachen und Poltern“ über sich. Ein Phosphorkanister steckt den Keller nebenan in Brand. Sie hört die Frauen schreien, die darin verbrennen.


In der Ribbeckstraße in Bornstedt hat Charlotte Jopp den Keller wieder verlassen. Zusammen mit ihrem Sohn Wolfgang und den anderen steht sie im Hof des Anwesens. „Die Flieger dröhnen über [sie] hinweg“ und beobachten den „Feuerschein über Potsdam“. Fassungslos sehen sie zu, wie ihre Heimatstadt zerstört wird. In dieser Nacht beschließt die Familie aus Potsdam zu fliehen.


Ursula Radke beugt sich in der Albrechtstraße über das Baby-Körbchen, um ihr Kind „vor eventuell herabstürzenden Mauerstücken zu schützen“. Das „Rauschen der Bomben“ erfüllt die ganze Straße. Der Boden schwankt, der „Orkan geht los“, denkt Katharina Wille ganz in der Nähe im Keller der Albrechtstraße 33.

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Zeitzeugin Renate Jungmann berichtete 2005 bei einer Veranstaltung im Theaterhaus Potsdam von ihren Erlebnissen in der Bombennacht (Foto: Köster/Archiv)
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Um genau 22.47 Uhr und 30 Sekunden macht die Bordkamera der NG 130 ein Foto von der ersten und letzten Reise der tödlichen Fracht. Aufgrund der Angriffshöhe (6100 Meter) werden die Bomben bereits 2,5 Kilometer vor dem Zielgebiet – ungefähr über Hermannswerder – ausgelöst.

An der Langen Brücke kauern noch immer Karl-Heinz Blank und seine Kameraden. Der Boden unter ihnen „zittert und dröhnt“. Sie beobachten, wie  „die Stadt im Feuer untergeht“.

22.48 Uhr
Die Funkverbindung zum Master Bomber ist teilweise gestört, doch die Bomberpiloten haben beste Sicht auf ihr Angriffsziel. Das Zielgebiet ist aufgrund der Freundschaftsinsel bestens auszumachen. Zwar steigt jetzt jede Menge Qualm auf, aber die „Bodeneinzelheiten [sind] sehr klar“ zu erkennen. Ebenso die Zielmarkierungen. Manche Piloten wundern sich daher, dass in der jetzigen Phase die Bomben so zerstreut fallen.

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Auch mehr als 70 Jahre nach der „Nacht von Potsdam“ werden noch immer Blindgänger der britischen Fliegerbomben in der Stadt gefunden. Ihre Verteilung gibt Aufschluss darüber, wo die Bomben am 14. April 1945 fielen. Zur kompletten Karte.

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Das Warenhaus in der Brandenburger Straße wird getroffen. Ringsherum wackeln die Häuser. Der zehnjährige Siegfried Lieberenz erlebt seine schlimmste Weltkriegsnacht im Keller des elterlichen Haus genau gegenüber in der Junkerstraße (heute: Gutenbergstraße). Alles bebt. Sollten sie den Angriff überleben, beschließt seine Mutter, werden sie sofort nach dem Ende dieses Bombardements einen anderen Bunker aufsuchen. Am liebsten den im Winzerberg (Foto). Zwar ist der noch nicht fertig, aber immerhin tief im Berg.

Seit dem Umzug vom alten Standort am Nauener Tor (heute Café Heider) im Jahr 1933 befindet sich das traditionsreiche Café Rabien in der Brandenburger Straße, jetzt scheint es dem Untergang geweiht. Der Dachstuhl des „fürstlichen Hofconditors", bei dem Prinzen, Gardeoffiziere, Einheimische und Touristen einkehrten, hat Feuer gefangen. Ringsum in den Straßen brennen Häuser, doch Margarete Rabien kann zusammen mit den Angestellten die Flammen löschen und die Zerstörung ihres Zuhauses und des Betriebs verhindern. Auch das Brandenburger Tor bleibt unbeschädigt. 

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22.50 Uhr

Der Master Bomber gibt weiter Befehle. Der „Rückkriecheffekt“ macht ihm weiter zu schaffen. „Werft nicht zu früh ab“, mahnt er die Piloten. Er korrigiert die Abwurfmarkierungen um einige hundert Meter gen Osten – mit Erfolg. Die Einschläge westlich des geplanten Zielgebiets nehmen ab. Dort, westlich des Zielgebiets, sitzt auch Horst Goltz im Bunker des Ausbildungslagers der Hitlerjugend in der Friedrich-Ebert-Straße. Es fallen Scheiben und Dachziegel zur Erde, „der Keller schwankt wie toll“. Der 15-Jährige hört „gespenstische Geräusche durch die Luftlöcher der Kellerfenster“ und „Einschläge ganz in der Nähe“. Ein „unaufhörliches Rollen und Krachen“ – bis es schließlich doch ruhiger wird.

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„Keine Angst, es ist sicher bald vorbei“

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Hannelore Wagner zeigt, wo sich früher die Jutespinnerei befand. Sie erlebte den Bombenangriff als junges Mädchen. (Foto: Bernd Gartenschläger)
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An der Jutefabrik am Nutheufer in Nowawes geht eine Luftmine runter. Das Zahlmeisterhaus wird völlig zerstört. Vom Luftdruck der Explosion wird das Dach des Pförtnerhauses  angehoben, dann fällt es nach leichter Drehung wieder aufs Haus zurück. Die Betten von Hannelore Wagner und ihren Schwestern werden von der Wucht der Explosion durch das Fenster bis aufs Nachbargrundstück geschleudert.

In der Menzelstraße haben sich mehrere Familien im Luftschutzkeller zusammengefunden. „Todesangst“ macht sich unter den rund 20 Menschen breit. Man hockt in kauernder Stellung auf einer schmalen Bank. In dem Haus, in dem Familie Grisebach lebt, wohnt auch die Familie von Ludwig Voggenreither, Leiter des gleichnamigen Verlags. Er, Voggenreither, ist ein „Obernazi“, wie Manon Grisebach, Tochter von Hanna Grisebach, findet. Doch jetzt, in der Stunde der Angst, schweigt er. Er sitzt „zitternd“ auf der schmalen Holzbank neben Hanna Grisebach – einer Jüdin. Während die polnische Zwangsangestellte von Voggenreithers laut betet, legt Hanna Grisebach ihre Hand auf die Hand Voggenreithers und beruhigt den „Obernazi“: „Keine Angst, es ist sicher bald vorbei“, sagt sie.


Familie Boick hockt zusammen mit rund 20 anderen Menschen in dem Luftschutzkeller in Babelsberg. Rund die Hälfte sieht sie zum letzten Mal. Rund um den Findling in Babelsberg wankt der Boden, Bomben schlagen dort aber nicht ein.

Luftminen schlagen nun auch rund um den Wilhelmplatz ein. Werner M. und sein Bruder sitzen mitten im Keller, als draußen eine Luftmine auf dem Hof explodiert. Die Mauern werden eingedrückt. „50 Zentimeter dicke Mauern!“ Kisten fliegen um die beiden Brüder „herum wie Streichholzschachteln“. Vor lauter Staub und Ruß können sie nichts sehen. Zum Glück ist im Keller auch ein Wassereimer. Sie pressen nasse Tücher vor ihre Münder. Dann senkt sich der Staub – und die Brüder können in den Himmel gucken. Die drei Stockwerke über ihnen sind weg. Dann kracht die nächste Bombe.

NG 130 dreht nach Südwesten, in Richtung Bitterfeld, ab. Für die Besatzung ist der Angriff beendet. Jetzt geht es nach Hause.

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Hannelore Wagner zeigt, wo sich früher die Jutespinnerei befand. Sie erlebte den Bombenangriff als junges Mädchen. (Foto: Bernd Gartenschläger)
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22.57 Uhr
Eine starke Explosion am Bahnhof.

22.59 Uhr
Eine weitere, sehr heftige Explosion am Bahnhof. Ein Munitionszug, der auf einem Nebengleis des Bahnhofes abgestellt war, geht in die Luft. Den Bahnhof hat es an sich schwer getroffen. Er liegt mitten im Zielgebiet. Gleise ragen aufrecht in den Himmel, überall aufgerissene Straßen und kaputte Gebäude.

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Der koordinierte Angriff auf Potsdam ist beendet, der „Master Bomber“ dreht ab und verlässt das Zielgebiet. Die Detonationen werden weniger. Die Lancaster NG 130 ist jetzt schon einige Kilometer von Potsdam entfernt. Doch dann ein Angriff eines deutschen Abfangjägers. Die Maschine wird vom Hauptverband abgedrängt. Der englische Bomber übersteht den Angriff jedoch ohne Schäden und findet schnell wieder Anschluss.

Als keine Bomben mehr auf Potsdam niedergehen, öffnet Hauptmann Dr. Brauer die Tür des Schutzkellers in der Gardes-du-Corps-Kaserne. Mauertrümmer versperren den Ausgang und erschweren den Weg nach draußen. „Verworrene Rufe von links und rechts“, „angstvolles Rufen weiter vorn, wo die Frauen und Kinder saßen“. Eingeschlossene werden befreit und auch die rund 200 Frauen und Kinder, die in einem größeren Raum in der Kaserne untergebracht waren, sind alle wohlbehalten. Lediglich ein „Soldat liegt mit gebrochenen Knochen im Treppenflur. Ihn hatte ein Luftstoß erfasst und in den Kellerflur geschmettert“. Schwerverletzt, aber immerhin lebend.

(Foto: Kriegszerstörungen der Potsdamer Innenstadt nach dem Angriff.)

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Zeitzeuge Martin Petrzak im Jahr 2015. (Foto: Carola Hein)
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Bei Martin Petrzak muss es jetzt schnell gehen. „Auf ein Haus in der Schützenstraße unmittelbar über dem Eiskeller ist eine Bombe gefallen“. Raus aus dem Keller, aber „die Wohnung ist nur noch ein Trümmerhaufen“. Am Bahnhof „kracht, donnert und blitzt der explodierende Munitionszug“. Über die inzwischen völlig zugewucherte Treppe gelangt die Familie auf den Telegrafenberg. Bäume brennen wie Fackeln. Aber sie müssen da durch. Hoch zum Einsteinturm. Opa Robert Geitner arbeitet dort im Wissenschaftspark als Gärtner und bewohnt ein Häuschen neben dem Einsteinturm. Einstein selbst hatte ihn eingestellt.

Der aufgewirbelte Schutt der zweiten Bombe hatte den Keller, in dem Werner M. sitzt, wieder zugeschüttet. 14 Menschen sterben neben den beiden Brüdern in dem ehemaligen dreistöckigen Haus am Wilhelmplatz.


Karl-Heinz Blank und seine Kameraden in Potsdam sind zur gleichen Zeit ratlos. Sie haben den Angriff im Schutz der Langen Brücke überlebt. Im Stadtzentrum explodieren ständig Zeitzünderbomben. Sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll – und bleiben einfach sitzen.

Dorothea Günther, ihr Mann Martin und der Untermieter lösen sich aus ihrer Umklammerung unter dem Türrahmen im Keller. Das noch ungeborene Kind in ihrem Bauch „tobt und strampelt“. Sie setzen sich zu den übrigen Hausbewohnern. Eine Frau beginnt, Leinen in Streifen zu reißen, um Verbandsmaterial zu erhalten. Absurd: dieses reißende Geräusch treibt die werdende Mutter nach all dem infernalischen Lärm an den Rand der Verzweiflung.

In der Friedrich-Ebert-Straße treibt der Luftschutzwart Ilse Peinert und die anderen Unverletzten an die Luft: „Alles raus, was helfen kann“. Doch Ilse Peinert ist wie gelähmt. Draußen tobt jetzt das Inferno, immer mehr Schutzsuchende drängen in den überfüllten Keller – man rückt zusammen.

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Zeitzeuge Martin Petrzak im Jahr 2015. (Foto: Carola Hein)
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23.15 Uhr
Britische Bomber starten jetzt einen Angriff auf die Reichshauptstadt Berlin. Es ist Ablenkungsangriff, um den Heimflug der Bomber zu sichern. Bis 23.21 Uhr fliegen sechzig zweimotorige Bomber („Mosquitos“) Angriffe auf die Stadt. Ein Großteil der Bomberflotte, die Potsdam angegriffen hat, ist derweil schon über Halberstadt. Dort gerät die NG 130 wieder ins Visier deutscher Luftabwehr. Doch die Flak richtet keinen Schaden an.

23.16 Uhr
Der letzte britische Flieger verlässt den Luftraum über Potsdam.

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Die Sirenen für die Entwarnung funktionieren nicht. Dennoch verlassen jetzt viele Menschen in Potsdam die Luftschutzbunker. Auch Eva Bidder treibt es nach draußen. Was sie sieht, sind „nichts als Trümmer und Scherben“.

Hans-Werner Mihan kontrolliert zusammen mit den anderen ihren Unterstand und wagt sich dann nach draußen. „Größere Schäden sind nicht zu erkennen“. Er schlägt sich durch bis zur Junkerstraße (heute Gutenbergstraße). Dort bietet sich ein Bild der Zerstörung. Der Bassinplatz ein Trümmerfeld, übersät mit Bombenkratern.

Hauptmann Dr. Brauer und weitere Soldaten kontrollieren nun jeden Raum in der Gardes-du-Corps-Kaserne. Gab es doch Verluste? Schließlich ist ganz in der Nähe eine Mine explodiert. Dann müssen sie „herzlich lachen“. Der Raum, in dem die 100 Todeskandidaten untergebracht waren, ist menschenleer; der Notausgang offen. „Ein gutes, ein tröstliches Zeichen“, findet Brauer.

Auch Ursula Radke kann ihr Glück nicht fassen. Ihr und ihrem Kind ist nichts passiert. Zusammen mit anderen verlässt sie den Keller, um „in der Nachbarschaft Hilfe zu leisten“. Weit kommen sie nicht. Überall ist Feuer. Die Frauenklinik in der Behlertstraße ist getroffen und brennt. Rauch und Trümmer machen es für die junge Mutter jedoch unmöglich „an die Brandstelle heranzukommen“.

Wolfgang Heese ist über die Lange Brücke gekommen, passiert jetzt die Bittschriftenlinden am brennenden Stadtschloss und rennt weiter zum Wilhelmplatz. Dort trifft er auf Hans Friedrich, Oberbürgermeister von Potsdam. Dieser hat Tränen in den Augen. Doch Heese muss weiter. Muss zum Krankenhaus und dort ein Fahrzeug für Verletztentransporte organisieren.Im Luftschutzraum in der Kaiser-Wilhelm-Straße „zerrt die Ungewissheit an den Nerven“. Ist das jetzt das Ende des Angriffs oder folgt eine zweite Welle? 

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Horst Goltz und andere Hitlerjungen sollen „die zerstörte Telefonleitung zwischen der Kreisleitung der NSDAP am Wilhelmplatz Nord und dem Polizeipräsidium in der Priesterstraße wiederherstellen“. Der Versuch schlägt fehl, die Jungen kehren zurück, da „außer der Nordseite alle übrigen Seiten des Wilhelmplatzes in Flammen stehen“. Auch brennen viele Häuser zwischen dem Kanal und der Breiten Straße bis hin zur Garnisonkirche. Er selbst schützt sich mit einer nassen Matratze auf dem Rücken vor der Hitze und den Flammen.

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Blick von der Freundschaftsinsel auf die zerstörte Heilig-Geist-Kirche- 1933 und 1945 nach dem Angriff. (Potsdam Museum)

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Etwas weiter westlich wurde der Lange Stall an der Garnisonkirche getroffen. Er brennt. Die Kirche scheint auf den ersten Blick unversehrt. Pfarrer Gerhard Schröder entdeckt zunächst nur kleinere Brände. Der Gottesmann lässt Schläuche auf den Turm hieven, doch es kommt kein Wasser. Plötzlich trägt eine Windböe die lodernde Glut vom benachbarten Langen Stall auf das Kirchendach. Schröder, nichts Gutes ahnend, handelt geistesgegenwärtig. Es gelingt ihm, Inventar wie den Feldaltar, ein Kruzifix und Leuchter ins Freie zu retten. Er wird von anwesenden Soldaten beruhigt: Gefahr für die Kirche durch ein Feuer bestehe nicht. Kurz darauf brennt der Turm jedoch wie eine Fackel. Die Löscharbeiten der Kirche haben aber augenscheinlich keine Priorität. Ein Wehrmachtslöschtrupp steht untätig herum. Später brennt auch das Kirchenschiff.


Wolfgang Heese hatte bei der Suche nach einem Fahrzeug für Krankentransporte Glück. Ihm und seinem Begleiter wird ein Mercedes-Krankenwagen gegeben. Umgehend machen sie sich auf den Rückweg. Über die Berliner Straße sind sie am Kanal entlanggefahren und wollen an der Garnisonkirche weiter zur Epilepten-Anstalt in der Alten Zauche. Doch an der Garnisonkirche geht es jetzt nicht mehr weiter. Die Kirche brennt und Kirchenglocken liegen auf der Straße. Zudem überall Trümmer. „Mehrere Versuche weiterzukommen scheitern“.

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„Das war ein sehr dramatisches Erlebnis"

Horst Goltz erlebte den Bombenangriff als 15-Jähriger. Als die Garnisonkirche brannte, beobachtete er, wie der Turm in sich zusammenfiel.

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Am Stadthaus schreit eine Frau mit angesengten Kleidern: „Ich bin durch die Hölle gelaufen“ – und meint die Französische Straße. Die Straße, in der auch das Elternhaus von Ilse Peinert steht. An ein Durchkommen vom Stadthaus bis zu den Eltern ist nicht zu denken. Doch da kommt schon der Vater. Mit angesengten Haaren, aber ansonsten – wie der Rest der Familie – unverletzt sagt er lediglich: „Kind, nun sind wir bettelarm“. Nicht nur, dass das Haus zerstört ist. Das bisschen Habe, was zunächst gerettet schien, wird der Familie gestohlen.

Für Jürgen Zippel ist es ein „Dante’sches Inferno“.  Er macht sich auf zu seiner Wohnung. Feuer überall. „Von der Kaiserstraße und vom Alten Markt her fressen sich Brände in den Block hinein“.

Am Wilhelmplatz konnte sich Werner M. aus dem Keller befreien. Wie im Wahn rennt er nach Hause. Das Haus ist zerstört. Da ist „nichts mehr zu retten“. Wahllos sammelt er Sachen auf. „Lauter Quatsch“, was er im Schutt zu greifen bekommt: „Dessertteller und ein paar Kaffeetassen“. Um ihn herum brennt es. Dann hält ihn jemand am Fuß fest – zumindest denkt er das. Es wird warm in seinem Schuh. Er ist in einen Nagel getreten.


Hauptmann Dr. Brauer steht im Hof der Gardes-du-Corps-Kaserne. Jenseits der Garagen und des Kasernenbereiches sind alle Häuser wegrasiert, bis zum Wasser plattgewalzt. Er kann bis zum Bahnhof blicken: „Ein Feuermeer“. Von den nahen Flächenbränden droht höchste Gefahr durch Funkenflug, „wie Schneeflocken so dicht“. Der „ganze Himmel feuerrot“. Zusammen mit anderen Soldaten macht er sich auf die Suche nach Verschütteten. Die „ganze Burgstraße, kellerlose Häuser, hoffnungslos zerstört“. Das alte Zollhaus zerstört. Wenige Meter weiter kommt ihnen ein junges Mädchen weinend entgegen. Sie erzählt, dass sie auf dem Weg ins Kino war, als der Angriff begann. Ihre Eltern und Geschwister sind jedoch im Luftschutzraum verschüttet. Die Soldaten machen sich an die Arbeit, räumen Trümmer weg. Dann plötzlich ein Kinderschuh. „Meine kleine Schwester“, ruft das Mädchen. Schnell räumt man weitere Trümmer weg. Vergebens. „Über den Knien des Kindes liegt eine schwere halbe Hauswand, darüber der lose Schutt, kubikmeterweise“.

Der erste Gedanke von Anneliese Sotschek in der Wollestraße in Babelsberg gilt dem Großvater. Schnell in die Wohnung. Dort sind alle Fenster raus. Die Tür zum Schlafzimmer fehlt – sie liegt auf dem Bett. Darunter der Großvater. Die Decke hat er über den Kopf gezogen. Er zittert, aber er lebt.

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Das Stadtschloss in Trümmern

Bis auf das Stadtschloss bleiben die anderen Schlösser und Gebäude in den Parks von den Bomben verschont. Jedoch werden die Garnisonkirche, der Lange Stall und das ganze Ensemble am Alten Markt, wie der Palast Barberini oder das Alte Rathaus, beschädigt und getroffen. Lediglich die Nikolaikirche kommt in dieser Nacht relativ unbeschadet davon.

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Die Familie des Schlossaufseher Max Nitsch verlässt das riesige Gewölbe mit den dicken Eichenfässern. Als sie aus dem sichersten Schutzraum der ganzen Stadt ins Freie treten, brennt es lichterloh. Der ganze Flügel in dem sie ihr Zuhause hatten ist weg.

Vom Neuen Palais aus, sieht die Familie des Schlösserverwalters Kühn Rauschschwaden über der Innenstadt. Wenig später kommen schon die ersten Obdachlosen in Richtung des gewaltigen Schlosses im Park Sanssouci und suchen hier Zuflucht.

Die historische Altstadt südlich des Stadtkanals ist durch das Bombardement zu über 50 Prozent zerstört. Auf der anderen Seite der Havel sind die Schäden noch heftiger. Die Bahnanlagen sind schwer getroffen, fast alle Gebäude zerstört. Der Blick in Richtung Süden zur Leipziger Straße/ Brauhausberg offenbart einem das ganze Ausmaß des Infernos. Ein einziger qualmender Trümmerhaufen.

Massive Schäden gibt es auch bei den medizinischen Einrichtungen zu beklagen. Sowohl das Josefs- als auch das Städtische Krankenhaus sind von Bombentreffern nicht verschont geblieben. Und das Schloss Sanssouci? Hunderte drängen „noch in der Nacht zum Park und blieben sogar dort, als fühlten sie sich hier geborgen“. Die Anlagen und Gebäude im Park bleiben von den Bomben verschont. Lediglich ein großer Krater an der Villa Illaire ist auszumachen.

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Tote am Leipziger Dreick

„Im Keller hörte man, wie die Menschen irgendwie versuchten sich zu befreien“: Horst Goltz berichtet vom Anblick am Leipziger Dreieck und am Brauhausberg.

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Zerstörtes Potsdam

Blick vom Lustgarten auf das Potsdamer Stadtschloss – vor und nach dem Angriff am 14. April. (Fotos: Potsdam Museum)

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Zeitzeuge Horst Wedell. (Foto: Christel Köster)
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Nachdem das Bombardement aufgehört hat, schnappt die  Mutter von Horst Wedell ihre beiden Kinder und macht sich auf den Weg zurück in ihre Wohnung in der Paetowstraße. Ein bizarrer Anblick: Die Häuser in der Paetowstraße stehen in Flammen. Die Wände des Wohnhauses der Familie Wedell sind „bereits zusammengefallen“, aber „die Treppen sind noch in Ordnung“. Der Zehnjährige geht in die Küche und versucht „seine Schulmappe aus den Trümmern zu ziehen“. Es gilt „zu retten, was noch zu retten“ ist. Auch aus dem Keller wollen sie noch „Dinge herausholen“. Dann plötzlich das Gerücht, dass ein zweiter Angriff folgt. Die drei flüchten in den Wald, aber es kommt kein Bomber mehr.

Wolfgang Heese und sein Begleiter sind jetzt endlich beim Krankenhaus. Ihnen bietet sich „ein grausames Bild“. Die Garagen der Kleintransporter sind zerstört, keine Fahrzeuge mehr fahrtüchtig. Zudem liegen überall auf dem Gelände getötete Menschen mit Bettlaken zugedeckt.

Im Keller in der Saarmunder Straße, in dem Renate Jungmann sich aufhält, kann man kaum atmen. Jeder presst sich ein nasses Tuch vor den Mund. Mit Stangen eines Bettgestells wird versucht, ein Luftloch zu schaffen. Plötzlich vernehmen die Eingeschlossen Stimmen. „Hilfe“, rufen sie – und haben Glück. Jungen der gegenüberliegenden Kadettenanstalt durchkämmen die Straßen und suchen Überlebende. Renate Jungmann wird als erstes gerettet. Zwanzig Menschen finden in dieser Nacht neben ihr den Tod.

Nahe der Jutefabrik ist der Großvater von Hannelore Wagner aus dem Keller ans Ufer der Nuthe getreten und sieht, wie sein Lebenswerk – eine kleine Bootswerft auf der gegenüberliegenden Seite – abbrennt. Auch das Zuhause der Familie, das Pförtnerhaus, ist kaputt. Die jungen Mütter aus der Behlertstraße wurden von jungen SS-Männern ins Stadthaus in die Nauener Straße gebracht.

Hildegard H. fängt an zu weinen. Die Ungewissheit über das Schicksal ihres kleinen Sohnes ist groß. Doch dann die Erleichterung: Schwestern aus dem Krankenhaus kommen und berichten,  „dass alle Kinder gerettet sind“. Ihr wird ein Kind auf den Arm gegeben. Sie macht den Säugling sauber, befreit es „von dem ganzen Staub und Kalk“. Da hört sie ihren Namen. Eine Schwester kommt auf sie zu – mit Manfred. Sie hat ein fremdes Kind auf den Armen, aber „zum Glück standen die Namen auf dem Bändchen am Handgelenk“.

0.18 Uhr
Lancaster NG 130 erreicht Koblenz. Von hier aus geht es direkt in Richtung England. Knapp anderthalb Stunden später überfliegt der Bomber den Kanal, erreicht zehn Minuten später Eastbourne und dreht in Richtung Ausgangsbasis. Gegen 3 Uhr setzt NG 130 unversehrt wieder auf der Landebahn am heimatlichen Stützpunkt in Wratting Common.Nach und nach kommen jetzt die letzten britischen Flieger zurück in ihre Stützpunkte. Die Piloten schreiben ihre Berichte. 

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Zeitzeuge Horst Wedell. (Foto: Christel Köster)
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In Potsdam herrscht das Inferno. Der Großteil der Bomben ging in einer knappen halben Stunde zwischen 22:40 und kurz nach 23 Uhr auf die Stadt nieder. Über 1700 Tonnen Bomben legten vor allem den Bahnhof und die Gleisanlagen in Schutt und Asche. Insgesamt werden in dieser Nacht 1593 Menschen in Potsdam direktes Opfer des Luftangriffs und der Flammen nach dem Bombardement. Fast 1000 Gebäude in der Innenstadt sind vollständig zerstört, 60.000 Menschen werden obdachlos.

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Übersicht

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Kapitel 1 Intro

Das protokoll der bombennacht in potsdam

2019 04 09 09 42 11 potsdam  timeline der bombardierung am 14.04.1945
Kapitel 2 Vor dem Angriff

01 ueberflug vor angriff

Potsdam 1933

Fliegeralarm

0mbzpoor
Kapitel 3 Start der Bomber

Avro lancaster b mk ii excc

2019 04 12 21 15 08 angriff auf potsdam  hinflug%c2%a0%e2%80%93 google my maps

Garni1086

Garnisonkirche kaputt
Kapitel 4 Fliegeralarm

Ilse 505

Nachher fs17111

Jutefabrik 4

0jsxqgbr
Kapitel 5 Die Bomben fallen

2019 04 11 16 39 07 kopie von angriff auf potsdam  hinflug%c2%a0%e2%80%93 google my maps

2019 04 11 17 28 02 4221402001 4170616248001 4170600088001.mp4

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Kapitel 6 Das Inferno nach der Bombadierung

Potsdam ansichten007

Petrzak3

Rueckflug

Digimaz c 1100
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